Amazon-CEO Jeff Bezos vor dem Amazon-Logo

Jeff Bezos ist der reichste Mensch der Welt. Mit seinem Online-Kaufhaus Amazon hat er ein beispielloses Imperium geschaffen. Immer mehr Stimmen fordern nun eine Regulierung von Amazon.

Shel Kaphan war der erste Mitarbeiter, den Amazon-Gründer Jeff Bezos im Herbst 1994 angestellt hat - als Entwickler für den Internetauftritt. Damals hat Kaphan alles stehen und liegen lassen, jetzt aber macht er sich um seinen alten Arbeitgeber sorgen.

"Alles, was sie jetzt machen, ist quasi das BWL-Ein-Mal-Eins von der Uni: sie sind aggressiv, geschickt und intelligent. Wir können den Konzern nur aufhalten, wenn die Gesellschaft ihn in die Schranken weist", sagt er im US-TV-Sender PBS. Einerseits sei er stolz darauf, was aus der Firma geworden ist. Auf der anderen Seite, mache ihm die Macht von Amazon einfach nur Angst.

Von der Gründung zu 1,1 Millionen Mitarbeitern

Kaphan hat vor mehr als 21 Jahren Amazon verlassen. Zuletzt war er dort Technik-Chef. Heute ist sein alter Arbeitgeber eines der größten und wichtigsten Internet-Unternehmen. Sein Gründer, Jeff Bezos, ist der reichste Mensch der Welt. Die Corona-Pandemie hat Bezos sogar noch reicher gemacht, weil er vom Boom der Internetbestellungen profitiert hat, wie kaum ein anderer. Außerdem stellt sein Konzern wichtige Cloud-Dienste zur Verfügung, auf die in Corona-Zeiten besonders viele Unternehmen umgestiegen sind. Weltweit arbeiten für den Konzern mehr als 1,1 Millionen Menschen.

Als Bezos Amazon am 5. Juli 1994 gründet, ist er von der Idee beseelt, in diesem neuen, aufkommenden Geschäft mitmischen zu wollen. Internet heißt dieser neue Industriezweig. Bezos ist damals schon Millionär. Als Vizepräsident einer New Yorker Investmentbank hatte er es bereits zu einem Vermögen gebracht. Sein Chef beauftragt ihn damals, sich "dieses Internet" und mögliche Geschäftsideen einmal genauer anzusehen.

Am Anfang war das Buch

Bezos macht zwei Produkte aus, die sich über den rasant wachsenden Markt im Internet gut verkaufen lassen: Bücher und CDs. Die Idee, genau das zu tun, lässt ihn nicht mehr los. Gemeinsam mit seiner Frau Mackenzie gründet er 1994 in Seattle ein Start-up. "Ein Jahr nach der Hochzeit wollte ich meinen Job kündigen und an die Westküste ziehen, um diesen Online-Buchladen zu gründen. Und meine Frau meinte damals, was ist das Internet?", erinnert sich Bezos in einem Springer-Interview.

Cadabra heißt Amazon zunächst. Den Namen ändert der studierte Elektroingenieur aber schnell. "Als ich meinen Rechtsanwalt auf seinem Handy anrief und er mich schlecht verstand, fragte er nach und sagte: ‘Kadaver?’ Da wusste ich: dass das kein guter Name war."

Hauptsache Wachstum

Bezos ist sparsam, scheut kaum ein Risiko und will Ideen umsetzen. Schnell baut er sein Sortiment aus. Amazon entwickelt sich immer mehr zum Warenhaus. Das Unternehmen kennt dabei nur ein Ziel: Wachstum. Gewinne sind erst einmal egal.

Erst 2016 schreibt Amazon kontinuierlich schwarze Zahlen. Wie den meisten Tech-Unternehmen geht es Bezos vor allem um die Unterbrechung bisherige Geschäftsmodelle. Disruption und Dominanz lauten die Schlagworte, erinnert sich James Marcus, Mitarbeiter Nummer 55 im TV-Sender PBS: "Einer seiner Stellvertreter sagte zu mir: 'Jeffs Idee ist es, dass sie in naher Zukunft ein Kajak bei Amazon kaufen können. Und nachdem Sie das Kajak gekauft haben, können sie Orte zum Kajakfahren und Reisedienstleistungen bei Amazon buchen.' Die Ambitionen waren früh schon sehr klar."

Wer nicht zahlt, fliegt raus

Wie diese Dominanz aussieht, demonstriert Bezos zuerst am Buchmarkt. Wenn Verlage ihre Bücher weiter bei Amazon anbieten wollen, müssen sie dem Online-Händler eine höhere Umsatzbeteiligung zusichern als anderen Händlern. Was die Verlagsbranche mit dem Online-Kaufhaus erlebt, ist aber nur ein Vorgeschmack für andere Bereiche. Je mehr Einfluss das Unternehmen erhält, umso selbstsicherer tritt es auf.

Bezos baut sein Unternehmen konsequent aus. Seinen Mitarbeitern trichtert er ein, dass die Fokussierung auf Konsumierende alles sei. Tracking heißt das Zauberwort, wer auf der Website von Amazon etwas kauft, dessen Verhalten wird genau verfolgt. Nur so ist es dem Online-Händler möglich, dem Kunden passgenaue zusätzliche Angebote zu unterbreiten. Der nächste Schachzug ist die Öffnung für Waren alle Art.

Ohne Amazon geht es nicht

Amazon lädt Händler ein, ihre Waren ebenfalls auf der Shopping-Plattform zu verkaufen. Auf Wunsch können die Produkte im Warenhaus gelagert und versandt werden. Natürlich kostet das entsprechend. Doch der Name Amazon hat mittlerweile solch eine Reichweite und Bekanntheit erreicht, dass Unternehmen nicht mehr daran vorbeikommen. Sie müssen ihre Waren auf der Plattform anbieten. Vor allem kleinere Händler sind auf den Vertriebsweg angewiesen.

Ein Beispiel? Jayson Boyce verkauft Basketball-Körbe. Schnell haben er und seine Mitstreiter gemerkt, wie leicht sich Waren über die Plattform absetzen lasse. "Wir haben alle unsere Produkte auf jedem anderen Online-Marktplatz gelistet. Das hat uns vor Augen geführt, wie gut Amazon ist. Bei allen Umsätzen außerhalb von Amazon sind wir zusammengenommen auf nur zehn Prozent gekommen."

Der Nachteil: Ein Händler liefert sich den Konditionen des Online-Riesen aus. Kommt es zu Streitigkeiten, ist ein Anbieter auf Gedeih und Verderb Amazon ausgeliefert. Denn das Unternehmen ist Konkurrent und Schiedsrichter zugleich.

Kundenbindung ist wichtig

Der Zusatzdienst Prime ist ein weiteres Marketing-Werkzeug, mit dem sich Amazon seine Vormachtstellung sichert. 69 Euro kostet der kostenlose Versand von Waren in Deutschland, in den USA sind es 119 Dollar. Mehr als 100 Millionen Haushalte nutzen das Angebot. Auch weil man damit Zugriff auf die Video- und Musikbibliothek erhält. Um besonders attraktiv für die Nutzer zu sein, lässt Amazon in Hollywood produzieren. Mittlerweile ist das Unternehmen ein bedeutender Produzent von Serien und Spielfilmen geworden. Regelmäßig gewinnt es Film- und TV-Preise.

Prime ist ein Instrument zur Kundenbindung, es dient dazu, die Kunden vom Kauf bei anderen Online-Versendern abzuhalten. Gegenüber dem Tech-Dienst Recode macht Jeff Bezos da auch keinen Hehl draus: “Prime-Mitglieder kaufen bei uns mehr als Nicht-Prime-Mitglieder. Und einer der Gründe, weshalb sie das tun, ist, dass sie sich nach Zahlung ihrer Jahresgebühr umsehen, wie sie mehr Wert aus dem Programm ziehen können.”

Job-Maschine oder Ausbeuter?

Die Übermacht im Online-Geschäft hat das Unternehmen aber vor allem seinen Angestellten zu verdanken, die in den Lagerhäusern arbeiten. Mehr als eine Dreiviertelmillion sind hier weltweit beschäftigt. Allein in den USA gibt es mehr als 110 dieser Verteilzentren, 33 weitere sind derzeit in Planung. In Deutschland unterhält Amazon 11 Versandzentren, im Rest Europas sind es mehr als 30.

Während in der Coronapandemie Hunderttausende in den USA ihren Job verloren haben, hat Amazon in den vergangenen sechs Monaten hunderttausende neue Arbeitskräfte eingestellt. Doch um die Arbeitsbedingungen in den Lagerhäusern steht es offenbar nicht gut. "Wir werden nicht wie Menschen behandelt, nicht mal wie Roboter. Wir sind Teil des Datenstroms bei Amazon", sagt ein Lagerarbeiter aus Südkalifornien, der lieber anonym blieben möchte.

Bei einer Demonstration von Arbeitern steht auf einem Plakat: "Amazon hurts working people"

Gewerkschafter sehen Überwachung

Wenn er vom Datenstrom spricht, dann spielt er auf die Lesegeräte an, die jeder Mitarbeitende in den Warenlagern mit sich trägt. Damit muss er die einzelnen Artikel scannen. Gewerkschafter behaupten, Amazon überwache mit diesen Geräten auch, wie schnell die Mitarbeiter die bestellten Waren zusammenstellen. Die Laufwege, die Effizienz jedes Einzelnen werde damit überwacht. Der Konzern bestreitet das.

"Wäre die Taktung zu hoch, würden unsere Mitarbeitenden nicht mehr zur Arbeit erscheinen. 600.000 Angestellte sind in unseren Fullfillment-Zentren beschäftigt und die kommen jeden Tag zur Arbeit. Sie bleiben jahrelang bei uns", sagt Jeff Wilke, der für alle Verteilzentren des Konzerns verantwortlich ist, gegenüber PBS. Ein ehemaliger Arbeiter widerspricht: Er habe den Job gekündigt, weil die Arbeit zu hart gewesen sei und es keinerlei Aufstiegschancen für einen Arbeiter gebe. Beklagt wird außerdem, die hohe Verletzungsgefahr. Nur wenn man die Sicherheitsrichtlinien nicht beachtet, komme man auf das geforderte Soll.

Unter dem Deckmantel der Kundenzufriedenheit

Shel Kaphan, Amazon Mitarbeiter Nummer 1, hat Verständnis für die Sorgen von Politik und Wettbewerbsbehörden. Konzerne wie Amazon sind mächtig geworden. Zu mächtig. "Ich denke, die Charakterisierung von Amazon als rücksichtsloser Konzern entspricht der Wahrheit. Sie tun eine Menge unter dem Deckmantel der Kundenzufriedenheit. Das könnte für Menschen, die nicht ihre Kunden sind, möglicherweise ein Nachteil sein. Ich sorge mich, dass Amazon große Macht hat. Ob das jetzt ein Monopol ist oder nicht, kann ich aber nicht sagen", so Kaphan.

Sendung: hr-iNFO, 25.12.2020, 8.30 Uhr

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