Vulkankrater auf Corvo

Sie sind mit Abstand der westlichste Punkt Europas: Flores und Corvo, die beiden äußersten Azoren-Inseln, liegen 1500 Kilometer vom portugiesischen Festland entfernt. Wer sie besuchen will, braucht allerdings einen stabilen Magen.

Wer Corvo besuchen will, sollte einen stabilen Magen haben. Rund um die kleinste bewohnte Azoren-Insel ganz im Nordwesten des Archipels weht praktisch immer ein strammer Wind. Der Anflug mit der kleinen Propellermachine ist daher ganz schön wackelig.

Propellerflugzeug Azoren

Nach dem Aufsetzen folgt eine Vollbremsung, denn die Piste ist nur 800 Meter lang. Flughafenchef Marco da Silva steht persönlich auf dem Rollfeld und lotst die gelandete Maschine zur Parkposition vor dem Terminal, das eher die Größe eines Bushaltestellenhäuschens hat.

Flughafen ist überlebenswichtig

„Der Flughafen ist für Corvo sehr wichtig, denn selbst wenn ein starker Wind weht, können Flugzeuge in der Regel starten und landen", sagt da Silva. Auf dem Meer sehe das anders aus: "Bei hohem Wellengang können keine Schiffe fahren, wir sind schließlich in der Mitte des Atlantiks. Gerade im Winter ist das Meer wild, manchmal kann ein Monat lang kein Schiff bei uns an- oder ablegen.“

Marco hat auch schon so schlechtes Wetter erlebt, dass fünf Tage lang kein Flugzeug starten und landen konnte. Die Menschen auf Corvo sind dann komplett von der Außenwelt abgeschnitten. "Darauf muss man sich vorbereiten, auch psychisch, und zu Hause alles Notwendige vorrätig haben. Der Flughafen stellt so etwas wie die Infrastruktur zum Überleben dar.“

 400 Einwohner und 1000 Kühe

Denn auch Lebensmittel und die Post kommen mit dem Flugzeug auf die Insel. Im Winter drei Mal pro Woche, im Sommer fünf Mal. Entsprechend langsam und unaufgeregt läuft das Leben auf Corvo. Es gibt ein einziges Dorf, die gut 400 Einwohner teilen sich die Insel mit rund 1.000 Kühen. Die Viehwirtschaft ist die wichtigste Einnahmequelle. Viele der Kühe weiden in der einzigen Sehenswürdigkeit der Insel: Im etwa zwei Kilometer breiten Krater eines erloschenen Vulkans. Was nach jeder Menge Stein und Asche klingt, strahlt auf Corvo so grün, wie man es sich kaum vorstellen kann. Überall wächst saftiges Gras und lässt den Krater zum Foto-Highlight der Insel werden.

Wasserfälle auf Flores

 

Noch grüner ist Flores, die Nachbarinsel von Corvo. Mit dem Propellerflugzeug 20 Minuten entfernt. "Flores ist die Azoreninsel mit der meisten Natur. Wer Landschaften liebt, muss unbedingt Flores besuchen. Alles ist wild und naturbelassen", sagt Joao Santos vom Tourismusbüro der Azoren. Flores hat neben mehreren kleinen Vulkankratern auch spektakuläre Wasserfälle zu bieten. Und liegt noch ein Stückchen weiter westlich als Corvo. Im Ort Lajes das Flores steht daher ein großes Schild mit dem Schriftzug: "Willkommen im westlichsten Landkreis Europas". Zum portugiesischen Festland sind es gut 1.500 Kilometer, zur US-Küste etwa 3.000. Daher bestehen enge Verbindungen zwischen den Azoren und Nordamerika.

 Kein Ziel für Urlaubermassen

Francisco war schon mal für ein paar Jahre in Kalifornien, erzählt er, viele Bewohner der Azoren seien nach Nordamerika ausgewandert. Nach Angaben der regionalen Statistikbehörde waren es in den vergangenen 60 Jahren mehr als 180.000 Menschen. Denn in den USA und Kanada gab es schlicht mehr Arbeit als auf den Azoren. Doch etliche Tausend sind auch wieder zurückgekommen.

Francisco genießt das Leben auf Flores, sagt der 58-Jährige, es sei schön hier am westlichsten Punkt Europas und vor allem ruhig. Tatsächlich sind wegen der Pandemie immer noch kaum Touristen auf der Inselgruppe. Wobei die Azoren nie ein Ziel für Urlaubermassen waren. Immerhin sind seit diesem Frühjahr Direktflüge zwischen Deutschland und der Hauptinsel Sao Miguel zu haben – seit langem wieder. Wer weiter nach Flores oder Corvo möchte, muss hier umsteigen in eines der kleinen Propellerflugzeuge. Womit wir wieder bei wackeligen Anflügen und einem stabilen Magen wären.

Sendung: hr-INFO Aktuell, 16.6.2021, 12 bis 15 Uhr

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