Alexander Gerst blickt bei seiner Mission 2014 aus der ISS auf die Erde

Eingeschränkte Bewegungsfreiheit, wenige soziale Kontakte, leben und arbeiten an einem Ort: Die Astronauten auf der ISS kennen vieles von dem, was wir gerade erleben. Können wir von ihren Erfahrungen lernen?

Nicht auf einer Bühne, sondern zusammengeschaltet in einer Video-Konferenz aus ihren Arbeits- oder Wohnzimmern haben die ESA-Astronauten Thomas Reiter, Alexander Gerst und Matthias Maurer am Donnerstag über das Leben in Quarantäne und Isolation gesprochen. Beim Stichwort Kontakt-Beschränkung oder Quarantäne muss Thomas Reiter sofort an die Quarantäne denken, in die Astronauten geschickt werden, zum Beispiel vor dem Start zur Internationalen Raumstation.

Eigenes Verhalten ist entscheidend

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Mehr Informationen über das Projekt, in dem die Astronauten über ihre Erfahrungen mit Isolation berichten, finden Sie hier.

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"Das sind ungefähr zweieinhalb, drei Wochen vor Beginn der Mission", erzählt der ESA-Astronaut. Man komme in die Quarantäne und wisse, dass eigentlich alles gut ist um einen herum. Aber man wissen eben auch, dass es "dramatisch wäre, wenn man diese Prozedur nicht befolgen würde und dann am Ende irgendeinen Erreger mit auf die Internationale Raumstation schleppen würde und es dort oben zu irgendeiner Erkrankung kommen würde. Das heißt, es ist einem natürlich klar, dass das eigene Verhalten ganz, ganz entscheidend ist."

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Dazu gehört auch ein Ritual bei der letzten Pressekonferenz vor dem Start am Weltraumbahnhof Baikonur. Die Mannschaft befindet sich dabei immer hinter einer Glasscheibe. Abgesehen davon kommen einem die Verhaltensregeln ziemlich bekannt vor, meint Astronaut Alexander Gerst: "Wir haben geschaut, dass wir Kontakt gemieden haben, Abstand gehalten haben, uns oft die Hände gewaschen haben. Im Prinzip genau dasselbe wie hier auch."

Darüber reden, was einen stört

Und es gibt noch eine Parallele: Im Moment arbeiten viele von zu Hause, im sogenannten Home Office – in Wirklichkeit oft das eigene Wohnzimmer. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben drohen dabei zu verschwimmen. Umso wichtiger sei es, genau darauf zu achten, sagt Alexander Gerst: "Das ist ein ähnliches Problem, das wir auch auf der Raumstation hatten. Da haben wir ja auch am selben Ort gelebt und gearbeitet und da muss man dann wirklich eine künstliche Grenze schaffen." Sie hätten sich deshalb darauf verständigt, dass die Zeit zwischen den Konferenzen mit der Bodenstation am Morgen und am Abend Arbeitszeit ist und alles davor und danach Freizeit.

Allerdings: Je mehr Abstand alle zu den Leuten draußen oder im Büro halten, desto enger hockt die Familie dann in der eigenen Wohnung aufeinander. Das kann anstrengend werden, weiß Astronaut Matthias Maurer: "Keiner von uns ist perfekt, jeder hat irgendeine Marotte." Deshalb: Am besten darüber reden, dem anderen sagen, was einen stört – auch wenn es sich vermeintlich nur um eine Kleinigkeit handelt.

Blick nach vorne richten

Bei all dem gibt es aber einen großen Unterschied zu unserem Alltag: Die Astronauten trainieren intensiv für das halbe Jahr auf der Raumstation. Sie wissen, was auf sie zukommt, spielen im Simulator ständig Notfälle durch. Das gibt ihnen das Gefühl, wenn etwas schief geht, immer noch die Kontrolle zu haben. Wir alle haben dieses Training nicht. Trotzdem vergleicht es Alexander Gerst mit dem Kampf gegen das Coronavirus: "Wir haben ein eigentlich sehr wirkungsvolles Mittel, diese Krankheit einzugrenzen - dadurch, dass wir zu Hause bleiben. Das ist ja schon so ein Stück Kontrolle."

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„Wir haben ein eigentlich sehr wirkungsvolles Mittel, diese Krankheit einzugrenzen - dadurch, dass wir zu Hause bleiben. Das ist ja schon so ein Stück Kontrolle.“ Zitat von Alexander Gerst
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Die eigenen Gedanken und Sorgen zu kontrollieren, fällt vielen da schon schwerer, auch weil keiner so genau weiß, wie das Ganze weitergeht. Dafür hat Thomas Reiter einen Tipp: Es komme darauf an, worauf man den Fokus richtet in dieser Situation. So anstrengend das auch gerade sein mag: "Dass man sich auf die Dinge konzentriert, die man noch verändern kann, die man beeinflussen kann und nicht Dingen nachhängt, die man eben nicht beeinflussen kann", sagt Reiter. "Also wer jetzt sagt: 'Mensch, das ist so ne schlimme Situation, wir müssen daheim bleiben' - da kann man sich jetzt wirklich reinsteigern. Besser ist es, den Blick nach vorne zu nehmen."

Thomas Reiter auf der ISS

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 27.3.2020, 6 bis 9 Uhr

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