Ein Smartphone zeigt die Tinder-App an.
Swipe right - du interessierst mich. Bild © picture-alliance/dpa

Es gibt so gut wie keinen Lebensbereich mehr, der nicht durch das Internet verändert wurde. Finanzen, Urlaub, Freundschaftspflege - fast alles läuft heute digital. Und so verwundert es nicht, dass wir auch die Liebe immer mehr ins Netz verlagern.

Immer mehr Menschen suchen online den Partner fürs Leben. Andere nutzen das Netz für ihre bestehenden Partnerschaften. Oder verlagern ihren Trennungsschmerz in digitale Foren. Das Internet verändert uns und somit auch ein Stück weit die Art, wie wir lieben.

Wie das Internet unsere Partnersuche beeinflusst

In Deutschland gibt es derzeit 17 Millionen Singles. Schaut man sich eine Umfrage des Digitalverbands Bitcom an, wird deutlich: Jeder dritte Internetnutzer ist bei einer oder sogar mehreren Dating-Plattformen angemeldet. Das zeigt, dass immer mehr Singles ihre Vorurteile gegenüber Online-Dating verloren haben.

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Ein Smartphone zeigt die Tinder-App an.

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Neben dem Beruf und privaten Verpflichtungen fällt es oft schwer, sich der Partnersuche in der realen Welt zu widmen. Singlebörsen und Dating-Portale werben deshalb mit einer Art Garantie, dass sie Menschen zusammenbringen, die zusammenpassen. Ob sich mit Hilfe von Algorithmen aber wirklich die große Liebe im Internet finden lässt, sei mal dahingestellt. Fest steht: Das Netz erweitert Spielräume und dadurch unsere Art, einen Partner zu suchen.

"Im Internet ist die Beziehungsentwicklung beschleunigt, da werden sich viel schneller auch intime Dinge erzählt", sagt Christiane Eichenberg. Die Psychotherapeutin und Psychologie-Professorin forscht seit 20 Jahren zum Einfluss des Internets auf unser menschliches Verhalten. "Wir nennen das den Online-Disinhibition-Effekt, was bedeutet, es gibt einen Enthemmungseffekt. Dadurch, dass bestimmte Sinneskanäle fehlen, dadurch, dass wir das Gefühl haben, eine größere Kontrolle über die Kommunikation zu haben, öffnen wir uns leichter."

Der Effekt führe auch dazu, dass Paare, die sich im Internet finden, schneller zusammenziehen, heiraten und Kinder bekommen. Das Vorurteil, dass Beziehungen aus dem Netz instabiler seien, habe sich hingegen in Studien bisher nicht bestätigt, so Eichenberg.

Doch bei allen Optionen, die das Internet ermögliche, dürfe man auch nicht vergessen, dass die Anonymität und auch der Desinhibition-Effekt destruktives Verhalten fördere. Das zeige sich zum Beispiel durch Stalking oder Love-Scamming – also dem Liebes-Betrug. Und dann gebe es noch das so genannte Ghosting, bei dem man sich einfach nicht mehr meldet anstatt dem Gegenüber zu erklären, dass es nicht gefunkt hat, so Eichenberg. Das Internet erleichtert es uns somit, uns zu öffnen, aber auch, uns unsozialer zu verhalten.

Wie das Internet unsere Partnerschaften prägt

Nicht nur die Suche nach der großen Liebe wird durch das Netz verändert, sondern auch die Beziehung zu unserem Partner. Das Internet bringt neue Herausforderungen mit sich. David Wilchfort hilft seit 50 Jahren Paaren dabei, ihre Beziehungen weiterzuentwickeln. Der Paartherapeut hat die Webseite 'LoveGraffiti' ins Leben gerufen, auf der Paare sich über Beziehungsthemen austauschen können.

Wilchfort teilt das Internet im Bezug auf Beziehungen in zwei Aspekte auf: Information und Kommunikation. Beide Aspekte bergen Vor- und Nachteile, sagt er: "Es gibt kaum einen Ort, wo wir nicht miteinander präsent sein können in dieser virtuellen Form. Das ist einerseits eine tolle Sache, aber andererseits ist es auch ein Druck: Wenn man es kann, muss man es auch." Und so könne es dazu kommen, dass man die Erwartungen, die der Partner in Sachen Kommunikation habe, nicht erfüllen könne oder wolle.

Zitat
„Durch die Auswahl, die man im Internet bei der Partnerwahl hat, hat man schnell Angst, die falsche Wahl getroffen zu haben.“ Zitat von David Wilchfort, Paartherapeut
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In der Frage der Information biete das Internet die Möglichkeit der Horizont-Erweiterung, also der Option, neue Dinge auszuprobieren, sich Inspiration für die eigene Beziehung zu holen. Doch das berge auch Risiken. Zum Beispiel, wenn man die eigene Sexualität mit der in Pornos vergleiche und dann möglicherweise enttäuscht sei. Oder man durch das Internet gar vollständig an der eigenen Partnerwahl zweifle. "Durch die Auswahl, die man hat, hat man schnell Angst, die falsche Wahl getroffen zu haben", so Wilchfort.

Dabei sehnen wir uns, wie Studien zeigen, heute genauso nach Verbindlichkeit, Geborgenheit und Intimität wie vor einigen Jahrzehnten. Daher sollten wir den virtuellen Blick in fremde Wohn- und Schlafzimmer nur bedacht wagen und uns immer wieder darauf besinnen, welche positiven Aspekte wir durch unsere laufende Beziehung gewinnen.

Interessant sei auch, dass sich die Kultur der Kommunikation insgesamt verändert habe. "Es ändert sich die Tabu-Linie", sagt der Paartherapeut. "Es ist eine Tatsache, dass unsere heutige Kultur viel lockerer geworden ist in der Art, wie wir miteinander kommunizieren." Und so seien heute die Grenzen zwischen einem Flirt und einer freundlichen Anrede manchmal fließend und das berge viel Streitpotenzial in Beziehungen. Doch das wiederum hänge stark davon ab, wie sicher man sich in der eigenen Beziehung fühle. "Wie ich einen Text in einer E-Mail lese, hat ganz viel damit zu tun, wie ich meine eigene Beziehung sehe", so Wilchfort.

Wie das Internet unseren Trennungsprozess beeinflusst

Der Trennungsprozess wird durch unser virtuelles Leben in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und wie sie alle heißen unschön verlängert. Denn typischerweise würden getrennte Partner erst einmal Abstand voneinander suchen und wenig Kontakt haben, sagt Christiane Eichenberg. Wenn man dann aber auf den Profilen des Ex-Partners oder der Ex-Partnerin herumstöbert, verhindere das die nötige Ablösung. Der Trennungsprozess sei deshalb besonders schwer, "wenn wir am virtuellen Leben des anderen weiter partizipieren", sagt Eichenberg. Deshalb sei es durchaus eine Option, nach einer Trennung das Profil der oder des Ex zu blockieren.

Auf der Habenseite: Das Internet bietet viele Beratungsangebote für Menschen mit Beziehungsfragen oder auch Therapieangebote oder Online-Mediation.

Sendung: hr-iNFO Netzwelt, 20.7.19, 17:00 Uhr

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