Ein idyllischer Blick auf Hirschhornam Neckar im Odenwald
Hübsch ist er, Hessens ländlicher Raum. Aber er braucht mehr Zuwendung. Bild © Imago

Die Städte boomen, das Land verödet. Diesen Trend versuchen Hessens Politiker zu stoppen. Zumindest klingt das in der heißen Phase des Landtagswahlkampfs so.

Bei Susanne Schaab klingt es wie ein Seufzer. "Der ländliche Raum hat ein Wahrnehmungsproblem, weil Lobby-Arbeit für den ländlichen Raum so schwer zu organisieren ist", sagt die Bürgermeisterin von Schotten im Vogelsberg, viele Amtskollegen aus dem ländlichen Raum würden ihr vermutlich zustimmen. Jetzt wurde die SPD-Politikerin auch auf die landespolitische Bühne geholt. Sie gehört zum Regierungsteam von Thorsten Schäfer-Gümbel, soll im Falle eines Wahlsiegs dessen Beauftragte für den ländlichen Raum werden. "Weil wir feststellen, dass sich die Rahmenbedingungen von städtischen Ballungsräumen auf der einen Seite und ländlichem Raum auf der anderen Seite deutlich auseinanderentwickeln", meint Schäfer-Gümbel.

Sein Kontrahent, Ministerpräsident Volker Bouffier von der CDU, weiß das natürlich auch. "Ländlicher Raum" rutscht in der Agenda seiner schwarz-grünen Koalition immer weiter nach oben. Im Koalitionsvertrag musste man noch nach dem Stichwort suchen, jetzt ist es in aller Munde – nicht ganz zufällig verbunden mit dem Begriff "Heimat". "Wenn Menschen gerne in ihrer Heimat sind, haben wir die Aufgabe, ihre Heimat so attraktiv zu halten und vielleicht auch wieder zu machen, dass sie auch in Zukunft gerne dort leben. Das ist ökologisch, weil es ein ganz Stück weit den Druck aus der Pendelei nimmt", so der Ministerpräsident.

Politik kann nur Anreize setzen

Das ist ein Punkt: Der Druck auf die Ballungsräume soll etwas gemindert werden. Ein Versuch der Landesregierung: mehr Dezentralisierung beispielsweise in der Finanzverwaltung. Einige hundert Stellen wurden aus dem Ballungsraum in die  Fläche verlegt. Das kann die Regierung verfügen. Schwieriger wird es bei der Gesundheitsversorgung: Niemand kann junge Ärzte zwingen, sich auf dem Land niederzulassen, allenfalls kann die Politik Anreize setzen.

Mehr Handlungsspielraum hätte die Landespolitik bei der Verkehrsanbindung. Einerseits eilt der grüne Verkehrsminister Al-Wazir durch den ländlichen Raum, um hier und da dankenswerte Initiativen wie die ehrenamtlich betriebenen Bürgerbusse zu würdigen. Andererseits hält ihm die FDP-Abgeordnete Wiebke Knell vor, Schwarz-Grün speise die Menschen auf dem Land damit ab. "Den Ehrenamtlichen, die den Bürgerbus fahren, gibt der Landesvater Bouffier dann großzügig noch ein Freifahrticket für den ÖPNV, den es vor Ort nicht gibt. Das ist also Anerkennung Marke Schwarz-Grün", ätzt Knell.

Selbst die Grünen sprechen von Heimat

Die FDP fordert deutlich mehr Geld für den Landes-Straßenbau. Die Linke will mehr ÖPNV im ländlichen Raum. Die SPD möchte im Falle eines Wahlsiegs dafür sorgen, dass jeder Gesetzentwurf daraufhin abgeklopft wird, was er für den ländlichen Raum bedeuten könnte.

In der nächsten Regierung dürfte das Thema hohe Priorität bekommen. Die Bewältigung der strukturellen Probleme ist aber komplex. Der Begriff "Heimat" hat in diesem Zusammenhang Konjunktur. Früher undenkbar: Selbst die Grünen werben jetzt mit Heimat, natürlich grün gewendet. "Wir kämpfen dafür, dass wir unsere Heimat, unser weltoffenes, demokratisches Deutschland gegen die Rassisten verteidigen", so Spitzenmann Tarek Al-Wazir.

Sendung: hr-iNFO, 31.08.2018, 7 Uhr

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