Pfungstadt Ortseingangsschild

Es ist eine Zeit der Unsicherheit, des Verzichts und der Einschränkungen. Und dann kam noch Corona. Wie haben die Geflüchteten in Pfungstadt, die wir seit 2015 begleiten, das Jahr der Pandemie erlebt?

Es gibt Gutes zu berichten: Soleen aus Syrien hat in diesem Jahr mit ihrer Familie eine Wohnung in Pfungstadt gefunden. Das hieß im Sommer endlich raus aus der Enge der Sammelunterkunft. "Es gefällt mir gut in der neuen Wohnung", erzählt sie. "Ich teile ein Zimmer mit meiner Schwester, weil die Wohnung nicht so groß ist, aber es ist besser als nichts." Und es ist ein großes, weil seltenes Glück für geflüchtete Familien, auf dem freien Wohnungsmarkt unterzukommen.

Viele Herausforderungen durch Corona

Furuk aus dem Iran hat sich auch eingelebt, arbeitet als Schichtleiterin in einem Schnellrestaurant: "Ich kenne 80 Prozent der Leute hier", sagt sie. "Ich weiß, ich rede nicht sehr gut, aber sie sind sehr nett und sagen, das hätte ich gut geschafft." Integration durch Kontakte, durch Zusammenkünfte, miteinander reden. So war das noch im März. "Corona hat mein Leben eigentlich ein bisschen verändert, weil ich habe seitdem kein Fußball gespielt und ich hab auch viele Freunde vermisst", sagt Murtaza aus Afghanistan. Er will sein Abitur machen, aber das mit Schule ist unter Corona-Bedingungen schwieriger geworden.

Halima Gutale, Integrationsbeauftragte der Stadt Pfungstadt

Auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt sei schwieriger, sagt Halima Gutale, Integrationsbeauftragte in Pfungstadt: "Was ich bedenklich finde ist, dass einige Geflüchtete ihren Job verloren haben, weil sie in Quarantäne mussten. Das kann man aber nicht vermeiden, die Situation ist halt so." Aber so anstrengend das vergangene Jahr war, sagt Gutale: „Positiv ist, wie man zusammengehalten hat, auch unter den Geflüchteten. Positiv ist, wie unsere Pfungstädter darauf reagiert haben, wie sie versucht haben, Hilfe zu organisieren." Und das war herausfordernd in doppelter Hinsicht. Die Flüchtlingsunterkünfte sind mit einem Besuchsverbot belegt. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer kommen nicht rein, seit Monaten. Die Geflüchteten haben außerdem das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Und die Enge in den Unterkünften hat es dem Virus zeitweise auch leichter gemacht, sich auszubreiten.

Die andere große Sorge

Für Integration braucht es Hilfe, Betreuung und Zeit, wie sie zum Beispiel Maren mit Ihrer Familie anbietet, für mehrere junge Geflüchtete. "Alle, die wir so eng betreuen, haben so oft Heimweh, machen sich große Sorgen um ihre Eltern, die sie so sehr vermissen", sagt sie. Und diese Sorgen seien im Corona-Jahr noch viel größer als sonst. Trotz der Kontaktbeschränkungen, trotz Abstandsregeln, haben sie es geschafft, einige junge Männer durch anstehende Prüfungen zu lotsen. Mit dabei sei aber immer auch diese andere große Sorge, erzählt Maren: "Immer wieder taucht die Angst vor einer Abschiebung auf. Eine Abschiebung hat so etwas Endgültiges. Bei Corona hat man irgendwie dann doch die Hoffnung, dass es einen vielleicht nicht so doll erwischt."

Tanveer stammt aus Pakistan. Er durfte als Pakistaner keinen Deutschkurs belegen und hat alles bei Maren gelernt. Er wohnt noch in einer der Sammelunterkünfte. "Da hatte ich noch Angst, dass ich Corona kriege und die Prüfung doch nicht machen darf. Gestern habe ich erfahren, dass ich jetzt die Prüfung bestanden habe." Und damit wird er bei der Post übernommen.

Resignation und Hartz IV

Aber es gibt auch viele geflüchtete Menschen, die mit der Sprache weiterhin nicht zurechtkommen, aus unterschiedlichen Gründen keinen Tritt fassen, die die weiterstrampeln und die, die resigniert haben. Ein immer größerer Teil muß Hartz IV beantragen. Auch das ist Teil der Wahrheit. Und Corona hat diesen Trend eher fortgeschrieben als gebremst.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 28.12.2020, 9 bis 12 Uhr

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