Foto, wie eine Ärztin einer Patientin eine Impfdosis in ihrer Praxis verabreicht.

Der weitere Verlauf der Pandemie hängt auch davon ab, wie gut die vorhandenen Impfstoffe gegen Virus-Mutationen wirken. Das erforschen Wissenschaftler derzeit weltweit. Ein Überblick über den aktuellen Stand der Forschung.

VoC - das ist die Abkürzung für die Corona-Mutanten, die den Wissenschaftlern Sorgen machen: die Variants of Concern. Wie sie in Deutschland verbreitet sind, darüber informierte RKI-Chef Lothar Wieler in der vergangenen Woche: "Wir bekommen mittlerweile viele Befunde aus dem Laboren, die uns einen Überblick über die besorgniserregenden Varianten verschaffen. Und hier können wir verlässlich sagen, dass B117 - die Variante, die ja deutlich ansteckender ist - inzwischen einen Anteil von 90 Prozent ausmacht." Wie befürchtet und vorhergesehen, nehme sie also weiter zu. Dazu kommen zwei Mutanten mit der Escape-Mutation E484K: die südafrikanische Mutante, die zu einem Prozent nachgewiesen ist, und die brasilianische, die bislang nur ganz vereinzelt auftaucht.

 Eingeschränkter Schutz

Ein Problem für die zugelassenen Impfstoffe? Mit der britischen Variante kommen die Vektor- und die mRNA-Impfstoffe relativ gut zurecht, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut diese Woche in seinem Bulletin. Die Neutralisationsfähigkeit der Antikörper sei zwar leicht herabgesetzt, trotzdem biete zum Beispiel BioNTech einen über 90-prozentigen Schutz vor symptomatischen Erkrankungen. Das haben auch Real World-Daten aus Israel bestätigt. Bei den Varianten B1.351 aus Südafrika und  P1 aus Brasilien, die die Escape-Mutation haben, können die Antikörper schlechter neutralisieren.

Das bedeute, "dass man auch mit den Impfstoffen, die man jetzt zur Verfügung hat, noch teilweise geschützt ist gegenüber diesen beiden Varianten", sagt Theo Dingermann, emeritierter Professor für pharmazeutische Biologie der Goethe-Universität Frankfurt - "allerdings eben nur teilweise." Der Schutz vor symptomatischen Erkrankungen ist vor allem bei der südafrikanischen Mutante deutlich geringer - in  einer Studie um das Siebenfache bei BioNtech und um das Neunfache bei Astrazeneca.  

Schutz vor schweren Verläufen

Trotzdem scheinen die Impfstoffe laut Paul-Ehrlich-Institut vor schweren Verläufen zu schützen. Das liege wahrscheinlich daran, "dass diese Varianten nicht komplett das bestehende Immunsystem ignorieren können", sagt Dingermann, man habe also einen Basisschutz. "Und dieser Basisschutz scheint Gott sei Dank auszureichen, um diese schweren Verläufe zu verhindern. Das ist die gute Nachricht."

Und stimmt die schlechte Nachricht, dass eine mit der ersten Generation der Impfstoffe geimpfte Bevölkerung die Ausbreitung der Mutanten befördert? "Ja, sagt Dingermann, "je eingeengter sich das Virus sieht, das heißt je größer die Population ist, wo das Virus keine Chance mehr hat, umso stärker ist die Selektion heraus aus dem Normalen." Kann es also sein, dass zum Beispiel die südafrikanische Mutante schon auf der Lauer liegt? Eine noch nicht begutachtete Studie aus Israel hat ausgewertet, mit welcher Variante sich Menschen anstecken, die schon vollständig oder teilweise geimpft sind.

Nur noch ein harmloses Erkältungsvirus?

In der sehr kleinen Gruppe, die sich trotzdem mit SARS-Cov-2 infiziert, weil der Impfschutz eben nicht 100 Prozent ist, stecken sich Menschen achtmal häufiger mit dem B.351-Virus aus Südafrika an als mit der britischen Variante. In einer immunen Bevölkerung ist das aber wohl kein Grund zur Panik: Die Mutante wird zwar irgendwann dominant, aber sie tritt vermutlich nur noch als relativ harmloses Erkältungsvirus auf.

Das werde auch die Zukunft der SARS-CoV-2-Epidemie sein, sagt Dingermann: "Dass wenn mal eine Grundimmunität in der Bevölkerung da ist, dass dann eben wahrscheinlich diese schweren Verläufe wirklich selten werden." Außerdem arbeiten die Impfstoffentwickler bereits an einer zweiten Generation von Impfstoffen - Kombinationsimpfstoffe, die gegen verschiedene existierende Mutanten schützen. Jetzt kommt es darauf an, diese rechtzeitig auf die Straße zu bringen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 20.4.2021, 6 bis 9 Uhr

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