"Bitte halten Sie zwei Meter Abstand!" steht auf einem Monitor im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens.

Abstand halten ist das Gebot der Stunde. Aber wie soll das für Menschen funktionieren, die auf ihren Tastsinn angewiesen sind? Unser blinder Redakteur Thorsten Scheinhardt spricht über seinen mitunter schwierigen Alltag in Zeiten von Corona.

Ist es für Blinde gerade riskanter, unterwegs zu sein?

Thorsten Schweinhardt

Schweinhardt: Ich kann nur für mich sagen - ich möchte es nicht riskieren. Ich würde es schon so einschätzen, dass ich deutlich mehr anfasse im Alltag. Bewusst und auch unbewusst, zum Orientieren, zum Festhalten - gerade in Bus und Bahn, da schaue ich mit den Händen nach einem freien Sitz, greife die Haltestange, berühre dann auch ohne Absicht Menschen.

Ich ziehe auch ungerne Handschuhe an, weil die mein Gefühl verfälschen. Deshalb vermeide ich solche Fahrten momentan. Nicht nur, um mich zu schützen, sondern auch, weil ich niemand anderen gefährden möchte.

"Wie soll ich Markierungen erkennen?"

Du orientierst dich auch stark über das Gehör, das ist in Corona-Zeiten zum Glück ungefährlich. Wie gut hilft das momentan?

Schweinhardt: Ich finde es enorm schwierig, rein über mein Gehör abzuschätzen, wie weit Menschen von mir entfernt sind. Vor allem, wenn es viele sind und wenn es auch noch laut ist, wie zum Beispiel beim Einkaufen im Supermarkt. Da kann ich nicht sicher sein, ob ich genug Sicherheitsabstand halte. Und ich kann nicht sicher sein, ob die anderen das machen. Und die Markierungen auf dem Boden - wie soll ich die erkennen? Da müsste ich mir dann wieder helfen lassen, aber das ist auch wieder mit Nähe, mit Anfassen verbunden - und da merke ich schon, dass die Leute da momentan eher nervös sind.

Viele Blinde greifen deshalb auf Lieferangebote zurück. Aber ich habe von mehreren blinden Freunden gehört, dass in ihren Städten die Lieferdienste dermaßen überlastet sind, dass man Wochen oder sogar Monate auf einen Liefertermin warten muss. Und das auch, weil viele Menschen diese Dienste nutzen, aus Bequemlichkeit, nicht weil sie sie wirklich brauchen.

Was hat sich an deiner Freizeitgestaltung durch die aktuelle Situation geändert? Was vermisst du am meisten?

Schweinhardt: Da vermisse ich wie alle anderen die sozialen Kontakte, das gemeinsame weggehen. Ganz besonders auch ins Kino zu gehen - ich bin trotz der Blindheit leidenschaftlicher Kino-Fan, da muss ich jetzt auf viele tolle Filme erstmal verzichten. Was mich aber so richtig begeistert ist, dass es durch die Quarantäne auf einmal so viel mehr Streaming-Angebote im Netz gibt - von Theatern, Musik, Lesungen ... Das sind Angebote, von denen besonders auch blinde Menschen profitieren. Da wünsche ich mir, dass davon einiges auch nach Corona noch angeboten wird.

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 16.4.2020, 15 bis 18 Uhr

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