Der Schriftzug Coronavirus vor einem Biogefährdungswarnschild

Die Corona-Krise hat uns fest im Griff. Dabei haben sich Bund und Land seit vielen Jahren vorbereitet: mit Pandemie-Übungen und Planspielen. Aber was hat das alles gebracht?

Keine Fahrkartenkontrolle in Bus und Bahn, Schutzmasken ausverkauft: Das sind zwei Szenarien einer Krisenstab-Übung der Hessischen Landesregierung aus dem Jahr 2009. Damals wurden am grünen Tisch mögliche Vorkommnisse einer Influenza-Pandemie durchgespielt. Insgesamt fast 90 Szenarien sollten zeigen, was bei einer Pandemie drohen könnte.

Die Pandemie, die der Übung zugrunde gelegt wurde, war noch viel schlimmer als die aktuelle Corona-Krise: 1,2 Millionen Hessen wären demnach innerhalb weniger Wochen an einem lebensgefährlichen Influenza-Virus erkrankt. Und trotzdem - viele der damals angedachten Szenarien sind im Corona-Frühjahr 2020 längst Realität: die Schließung von Kitas, Schulen und Hochschulen. Andere wirken angesichts der aktuellen Lage noch bedrohlicher als vor elf Jahren, weil sie plötzlich gar nicht mehr so weit weg scheinen: die Warnung vor gefälschten Arzneien, Plünderungen in Apotheken, gewaltsame Ausschreitungen.

Planspiele haben Probleme vorhergesehen

Das Verwunderliche: Dieses und andere Planspiele haben drängende Probleme und reale Engpässe vorhergesehen und davor gewarnt. Die richtigen Konsequenzen wurden jedoch nicht gezogen. Überrascht konnte aber eigentlich niemand sein – oder besser: eigentlich hätte niemand überrascht sein dürfen.

In einer sogenannten "Unterrichtung durch die Bundesregierung" mit dem Titel "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012" ist für den Fall eines damals fiktiven Pandemie-Szenarios zu lesen: "Persönliche Schutzausrüstungen und Desinfektionsmittel werden verstärkt nachgefragt. Da Krankenhäuser, Arztpraxen und Behörden in der Regel auf schnelle Nachlieferung angewiesen sind, die Industrie die Nachfrage aber nicht mehr vollständig bedienen kann, entstehen Engpässe."

Im Pandemieplan des Landes Hessen aus dem Jahr 2007 heißt es zum Stichwort Schutzausrüstung: "Allgemein gilt: Die Produktionskapazitäten sind allgemein beschränkt, bei weltweiter verstärkter Nachfrage ist auch bei diesen Artikeln Knappheit zu erwarten."

Und im Nationalen Pandemieplan des Robert-Koch-Instituts steht folgender Satz: "Der erhöhte Bedarf an persönlicher Schutzausrüstung für die Beschäftigten sowie an Medikamenten ist in den Planungen der Krankenhäuser zu berücksichtigen."

Engpässe trotz Warnungen

Dennoch ist Schutzkleidung etwas, das aktuell trotz fieberhafter Bemühungen auch des Bundes und des Landes Hessen fehlt. Das Deutsche Rote Kreuz Hessen zum Beispiel beschreibt den Engpass im Bereich Schutzausrüstung in seinen 39 Pflegeheimen als "gravierend". Die Vorräte würden "absehbar zur Neige gehen". Immerhin: in Krankenhäusern scheint sich die Lage inzwischen etwas zu entspannen.

Aber wie konnte es trotz der Warnungen in den Pandemie-Plänen überhaupt zu dieser Situation kommen? Ein Grund ist sicher: Pandemiepläne geben nur grobe Handlungsanweisungen und Richtlinien vor. Für deren Umsetzung sind dann die verschiedenen Beteiligten verantwortlich – Ärzte, Krankenhäuser, Pflegeheime, Kommunen. Das gilt auch für die Bevorratung von Schutzänzügen, medizinischen Nasen-Mund-Masken oder Desinfketionsmittel.

"Katastrophenschützer gehören zu den Spaßbremsen"

Gerold Reichenbach ist seit vielen Jahren im Katstrophenschutz tätig. Als ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Groß-Gerau saß er im Innenausschuss, als dort 2013 der "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz" vorgelegt wurde. Ein Szenario: eine hypothetische SARS-Pandemie. Schon Jahre zuvor war Reichenbach außerdem Mitautor eines „Grünbuch Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit“. Auch hier war eine globale SARS-Pandemie Thema – nachdem eine solche Epidemie Jahre vorher vor allem in Asien erhebliche Folgen gehabt hatte.

"Als wir das Grünbuch damals vorgestellt haben, gab es am Anfang großes Interesse. Und dann kam die Finanzkrise. Und dann war das Thema weg", sagt Reichenbach. "Und wenn sie in dieser Situation gesagt hätten, wir brauchen neben dem Geld zur Bankenrettung auch noch mal ein paar Millionen, um Schutzmasken einzulagern, dann wären sie ziemlich hilf- und hoffnungslos gewesen. Zumal die Katastrophenschützer ohnehin meist zu den Spaßbremsen gehören."

"Politik hat Warnungen ignoriert"

Den erfahrenen Katastrophenschützer überrascht übrigens nichts an der aktuellen Corona-Situation. Das Problem seien aber nicht die Pandemie-Pläne und Szenarien, meint er. Vielmehr habe die Politik die Warnungen und Vorhersagen eben schlicht ignoriert. Zum Beispiel bei der Schutzausrüstung: "Man muss mehr öffentliches Geld in die Hand nehmen", sagt Reichenbach. "Man muss wissen, dass bestimmte Bereiche, die wichtig sind für die öffentliche Daseinsvorsorge wie Gesundheit, nicht nur einfach betriebswirtschaftlicher Sicht unterzogen werden dürfen, sondern das ist eine gesellschaftliche Gesamtaufgabe." Wir müssten uns im Klaren sein, "dass bestimmte Dinge nur der Staat vorhalten kann, weil sie durch wirtschaftliche Überlegungen nicht vorgehalten werden."

Ähnlich klingt das beim Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Bündnis 90/Die Grünen): "Die just-in time Logik, die ich in vielen Krankenhäusern beobachtet habe - man schafft sämtliche Lager ab und setzt darauf: Ich bestelle heute und innerhalb weniger Tage ist das auch aus dem entferntesten Teil der Welt da. Hier haben wir auf einmal gemerkt, da kam auf einmal nichts mehr nach. Und ich glaube, das sind so Dinge, die wir uns in der weiteren Betrachtung sehr genau anschauen müssen."

Der Frankfurter Gesundheitsdezernent hat aber auch noch eine andere Erfahrung gemacht. Als er im Januar das Thema "Corona-Pandemie" auf die politische Tagesordnung habe setzen wollen, hätten viele Kollegen noch abgewunken: "Ja, ist ja in Ordnung, ist ja ganz weit weg, kommt mal wieder, wenn sich irgendwas tut", beschreibt Majer die Reaktionen. "Und das lief auch im Februar noch so. Und dann ging alles ganz schnell und es hat ein böses Erwachen gegeben."

Waren die Pläne umsonst?

Es gab also jahrelange Warnungen, nationale und kommunale Pandemie-Szenarien, Krisen-Szenarien und Pläne. Und trotzdem reagieren Verantwortliche erst spät, zu spät, fehlt es, wenn es ernst wird, an elementaren Hilfsmitteln wie der richtigen Schutzausrüstung. Oder es wird offenbar, dass man bestimmte Szenarien in der Praxis intensiver hätte üben müssen. Waren die Pläne also umsonst? Oder ist es sogar ganz anders: Kommen wir am Ende besser durch die Krise als viele europäische Nachbarn oder die USA, weil es diese ganzen Pläne gibt? Pläne und Szenarien, die – trotz aller Schwächen – vieles tatsächlich ziemlich gut vorhergesagt haben?

Martin Voss sieht das Ganze erstmal positiv. Er ist Professor an der Freien Universität Berlin und beschäftigt sich mit Katastrophenforschung. "Wir dürfen von Glück sprechen, dass wir differenzierte, sehr ausgefeilte Pläne auf den ganz unterschiedlichen Ebenen haben: vom Bund über die Länder bis zu den Kommunen, aber auch jede Krankenhauseinrichtung", so Voss. Die Pläne würden zwar oft in Schubladen rumliegen, aber nun hätte man "doch auch schon einige Wochen Vorlauf gehabt, wo doch viele Zeit hatten, sich damit wieder intensiver auseinander zu setzen. Also insofern: Die Pläne greifen nie so ganz, aber sie zu haben, ist trotzdem von großem Nutzen und großen Wert."

"Müssen uns auf diese Katastrophen einstellen"

Aber auch Voss fordert ein Umdenken. Wir müssten uns klar werden, dass diese Art von Gefahren mit globalen Auswirkungen wahrscheinlicher werden. Und bei dieser neuen Qualität von Katastrophe sei eigentlich niemand mehr nicht betroffen. Darin ähnele die Corona-Pandemie übrigens auch dem Klimawandel. Voss‘ Plädoyer: Wir müssen uns auf diese Katastrophen einstellen - Katastrophen, die eben nicht mehr lokal begrenzt seien wie ein Hochwasser, sondern die global passierten, mit globalen Auswirkungen. Dabei gehe es nicht nur um mehr Geld, mehr Pläne, mehr Übungen.

Wichtig sei auch noch etwas anderes: "Was tatsächlich nicht gemacht wurde, fast durch die Bank weg, ist, die Bevölkerung mit einzubeziehen. Das sind fast immer Sachen, die unter Experten abgehandelt wurden. Und das ist ein Kardinalfehler, weil man genau dann nicht das Bewusstsein in der Bevölkerung erzeugen kann, dass da eine Gefährdung ist", sagt Voss. In den Hinterköpfen der Akteure sitze dabei immer die Angst, nur zu verunsichern. Doch dafür gebe es keine empirischen Belege. Im Gegenteil: "Man steigert die Sensibilität und damit am Ende auch die Chance, dass man Katastrophenprävention effektiv betreibt."

Sendung: hr-iNFO Politik, 17.4.2020, 20:35 Uhr

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