Eine Spritze für eine Impfung mit dem Impfstoff Moderna wird vorbereitet. (dpa)

Die Impfung von 12- bis 15-Jährigen könnte ein weiterer Schritt in Richtung Herdenimmunität sein. Ein Knackpunkt ist aber die Frage, wie sicher und notwendig das für diese Altersgruppe ist.

Alle Kinder- und Jugendärzte hoffen auf den Tag, an dem ein wirksamer und sicherer Impfstoff für Kinder und Jugendliche in Deutschland verfügbar ist. Die Wirksamkeit ist in den Zulassungsstudien von BioNTech eindrucksvoll belegt: Von 1131 geimpften Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 15 Jahren hat sich keiner mit dem Sars-Cov-2-Virus infiziert. Der Knackpunkt ist die Sicherheit des Impfstoffs.

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Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA wird bald über eine Zulassung des Impfstoffs von Biontech für 12- bis 15-Jährige entscheiden.

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Was macht er im Körper der Kinder? An der Zulassungsstudie haben im Vergleich zu den Erwachsenen viel weniger Jugendliche teilgenommen. Und die Nachbeobachtungszeit war mit zwei Monaten sehr kurz, sagt der Kinderarzt Martin Terhardt, Mitglied der Ständigen Impfkommission.

"Datenlage noch nicht zuverlässig genug"

Ihm liegen die Daten der Zulassungsstudie seit einer guten Woche vertraulich vor. Die Beurteilung der Sicherheit eines Impfstoffs bei Kindern habe so eine große Bedeutung, weil die Kinder noch ein sehr langes Leben vor sich haben und diese neue Technologie - also der mRNA-Impfstoff - bei Kindern noch nie angewendet worden sei. "Wir haben einfach keine Erfahrungen, was eventuell an seltenen Komplikationen durch diesen Impfstoff ausgelöst werden kann", so der Kinderarzt. "Es kann gut sein, dass da gar nichts passiert, aber wir wissen es einfach noch nicht, die Datenlage ist einfach noch nicht zuverlässig genug."

Die Impfreaktionen selbst sind gut beschrieben, sagt Sebastian Hoehl, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Institut für Medizinische Virologie des Universitätsklinikums Frankfurt: "Es kam häufig dazu, dass es lokale Reaktionen gibt, am Arm, dass auch sogenannte systemische Reaktionen auftreten, es kommt zu Müdigkeit, vielleicht zu Kopfschmerzen, zu Fieber, die aber nicht den Alltag groß beeinträchtigt haben." Der Impfstoff sei allerdings reaktogen, man erwarte also, dass bei den Menschen, die geimpft würden, besonders nach der zweiten Dosis etwas bemerkt oder beobachtet werde.

Wichtig sind Langzeitfolgen und seltene Komplikationen

Den Wissenschaftlern geht es vor allem um die Langzeitfolgen und die seltenen Komplikationen, die in einer Zulassungsstudie nicht unbedingt sichtbar werden. Beispiel AstraZeneca und Sinus-Venenthrombosen. Oder die Schweinegrippe-Impfung, die bei Kindern in seltenen Fällen Narkolepsie hervorrief, sagt Kinderarzt Martin Terhart. Eine Nebenwirkung oder eine Impfkomplikation wie diese Narkolepsie sei etwas, was man gerne vermieden hätte. "In so eine Situation möchten wir halt nicht gerne nochmal kommen und deshalb ist das wirklich eine schwierige Entscheidung, weil eben die Krankheitslast für Kinder so viel geringer ist und der gesellschaftliche Nutzen zurzeit der größte Treiber ist bei der Forderung nach der Kinderimpfung."

Sebastian Hoehl vom Institut für Medizinische Virologie weist darauf hin, dass das Wissen über dem Impfstoff immer größer werde, dass man bei jungen Erwachsenen bereits auf Millionen vom Impfungen weltweit zurückblicken könne. Und dass der Impfstoff zum Beispiel in den USA ja schon an über Zwölfjährige verimpft werde. "Und da ist es natürlich ein Vorteil, bevor man anfängt, eine große Anzahl von Kindern und Jugendlichen zu impfen, dass man auf viele Daten zurückgreifen kann und auch noch sicherer sagen kann, dass es tatsächlich nicht zu seltenen Komplikationen oder sehr seltenen Nebenwirkungen kommt."

"Es gibt einen definitiven Nutzen"

Seit Januar 2020 mussten etwas über 1500 Kinder im Krankenhaus aufgenommen werden wegen Covid-19. Fünf Prozent von ihnen mussten auf die Intensivstation, so steht es im Register der deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Auch Long-Covid tritt bei Kindern auf - und über 300 Kinder erkrankten schwer an PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome), einer Komplikation von Covid-19.

Tatsächlich sei allein schon das PIMS ein guter Grund, Kinder zu impfen, sagt Sebastain Hoehl. Kinder hätten auf jeden Fall einen Nutzen durch das Verhindern dieser seltenen Nebenwirkungen. "Und wir wünschen uns ganz dringend, dass es einen effektiven, sicheren Impfstoff gibt, der auch diese seltene, aber auch potenziell schwerwiegende Komplikation verhindern kann." Es sei also nicht so, dass eine Impfung von Kindern überhaupt keinen Sinn mache: "Es gibt einen definitiven Nutzen durch Verhinderung von seltenen, aber schweren Komplikationen, gerade auch bei Kindern mit schweren Vorerkrankungen, die für einen schweren Verlauf von einer frischen Corona SARS-COV-2-Infektion besonders gefährdet sind."

Ob der BioNTech-Impfstoff für über Zwölfjährige die Empfehlung durch die Ständige Impfkommission bekommt, werden Martin Terhardt und seine Kolleginnen und Kollegen nach der Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur sorgfältig abwägen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 25.5.2021, 15 bis 18 Uhr

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