Eine Pflegerin läuft mit einer Pflegebedürftigen durch einen Gang

Viel wurde in den vergangenen Wochen darüber gesprochen, dass bestimmte Risikogruppen besonders geschützt werden müssen. Gerade für die Menschen in den Pflegeheimen in Hessen sieht die Lage derzeit aber kritisch aus. Trotz aller Vorsicht und Rücksichtnahme.

Das Deutsche Rote Kreuz betreibt in Hessen knapp 40 vollstationäre Pflegeheime. Das DRK warnt: Dort, wo Hygiene besonders wichtig ist, gehen langsam aber sicher Dinge wie Mund- und Nasenschutz sowie Desinfektionsmittel zur Neige. Wird es in einem Heim eng, kann zwar derzeit noch aus anderen Einrichtungen umverteilt werden, aber eine dauerhafte Lösung ist das nicht.

In einer Stellungnahme des DRK Hessen auf Anfrage von hr-iNFO heißt es: "Insgesamt ist die Situation folglich gravierend und wir sind dringend auf Lieferung entsprechender Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel angewiesen."

"Mein größter Horror ist..."

Laut DRK gab es Anfang April etwas mehr als 20 Hessen, die im Pflegebereich mit dem Coronavirus infiziert waren. Dass die Zahl noch so niedrig ist, sei ein Glücksfall, sagt auch Anette Hergl. Sie vertritt für die Gewerkschaft verdi die Angestellten von 50 Pflege-Einrichtungen im Land. Sollte sich die Zahl der Infizierten deutlich erhöhen, könnten die Pflegeheime zu regelrechten "Sterbefabriken" werden, so Hergl.

Ähnlich sieht das auch Stefan Majer (Grüne), Gesundheitsdezernent der Stadt Frankfurt. In seinem Dezernat wurde jetzt ein Testprogramm in den Alten- und Pflegeheimen gestartet. "Mein größter Horror ist, dass da einmal eine Infektion in einer Demenzstation ausbricht oder in einem Hospiz, wo wirklich nur noch der eine Tropfen dazugehört. Und dann überleben Menschen so was nicht", gesteht Majer.

Materialien sind teuer

Umso wichtiger ist, dass die Mitarbeitenden in den Einrichtungen ausreichend geschult und mit Material versorgt sind. Doch die Situation sei je nach Heim sehr unterschiedlich, sagt Anette Hergl. Manche Träger wären gut vorbereitet gewesen, andere weniger.

Von einem Heim weiß die Gewerkschafterin, dass die Mitarbeitenden eine Woche lang dieselben Einweg-Schutzmasken tragen. Einer der Gründe: Der Appell des Robert Koch-Institutes, sparsam mit dem Material umzugehen. Denn die Anschaffung ist teuer. Laut Hergl musste eines der Pflegeheime für außerplanmäßige Material-Einkäufe rund 75.000 Euro ausgeben.

100 Menschen auf ständiger Shopping-Tour

Der hessischen Landesregierung sind die Zustände in den Einrichtungen mehr oder weniger bekannt. Sie arbeite daran, Abhilfe zu schaffen "Im Krisenstab des Landes Hessen sind 100 Leute rund um die Uhr dabei, auf der ganzen Welt zu kaufen, was wir kriegen können", sagt Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

Neben dem Mangel an Schutzausrüstung bleibt auch die angespannte Personalsituation ein großes Problem. Denn obwohl in den Pflegeeinrichtungen Besuchsverbote herrschen, riskieren die Mitarbeitenden durch ihre Kontakte nach draußen eine Ansteckung mit dem Virus. Wie potenzielle Ausfälle kompensiert werden sollen, ist unklar. Ruheständler im Notfall wieder zu aktivieren, hält das Deutsche Rote Kreuz aber für "unverantwortlich".

Beschäftigte besser einbinden

Für die Beschäftigten ist das eine unhaltbare Situation, wie eine Mitarbeiterin einer privat geführten Einrichtung in Darmstadt bestätigt. "Mitarbeiter werden aus dem Urlaub zurückzitiert. Wenn ein Mitarbeiter dies nicht will, wird mit Konsequenzen gedroht, auf Berufung der Corona-Situation. Anerkennung sieht anders aus. Mehr Gehalt oder ein Bonus stehen nicht zur Debatte", berichtet die Frau, die anonym bleiben möchte.

Für Anette Hergl von verdi braucht es deshalb jetzt mehr als politische Lippenbekenntnisse. Dazu gehöre auch, alle Beschäftigten in den Einrichtungen – ob Pfleger, Köchin oder Reinigungskraft – besser in die Entscheidungsprozesse einzubinden. Um jenen, die die eigentliche Last in der Pflege tragen, zumindest etwas mehr Orientierung zu geben.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 17.04.2020, 6-9 Uhr

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