Journalisten verfolgen in einem Presseraum die Übertragung des Treffens von Bundeskanzler Olaf Scholz und Russlands Präsident Wladimir Putin.

Welchen Quellen vertrauen Journalistinnen und Journalisten? Wie gehen sie mit Informationen aus dem Netz, mit Bildern und Videos um? Der Krieg in der Ukraine hat die Berichterstattung vor große Herausforderungen gestellt. Denn Propaganda zu erkennen und richtig einzuordnen, ist nicht immer leicht - und bedeutet viel Arbeit.

"Dreigeteiltes" Studio Moskau  

Das ARD-Studio Moskau hat sich zu Beginn des Krieges in drei Gruppen aufgeteilt. Aus Moskau selbst wird über die Ereignisse in Russland berichtet, und der Begriff "Krieg" gemieden. Das Wort steht in Russland unter Strafe, wenn es im Zusammenhang mit der Ukraine genannt wird. Damit muss sich die zweite Gruppe nicht beschäftigen: Sie berichtet direkt aus der Ukraine, zum Beispiel aus Kiew, aus Lemberg oder aus Dnipro.

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Propaganda und der Ukraine-Krieg: Wem sollen die Medien glauben?

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Die dritte Gruppe sitzt beim westdeutschen Rundfunk in Köln, spricht sich ständig ab mit den Anderen und versorgt die ARD-Kanäle (Fernsehen, Radio, Online) fast stündlich mit kurzen und längeren Updates, mit Tageszusammenfassungen.  

Das ist oft nicht zufriedenstellend – aber im Krieg üblich 

Einer der Kollegen ist Marius Reichert. Er sitzt in Köln vor mehreren Bildschirmen, schaut dabei auf die internationalen Nachrichtenagenturmeldungen, aber auch in die Social-Media-Kanäle. Er muss, zusammen mit dem Team, viele Informationen verarbeiten: "Da brauche ich dann auch die Rückkopplung mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Wenn das geht. Oder wir müssen bei teilweise unklaren Informationen, die wir nicht überprüfen können, das auch so transparent machen. Das ist oft nicht zufriedenstellend. Das ist aber in dem Krieg sehr, sehr üblich."

Vor allem wenn klar ist, dass Kriegspropaganda eine Rolle spielt: Dann muss Marius Reichert aufpassen, dass er nicht darauf einsteigt. Und wenn es mal drängt, aber die Bewertung der Information noch nicht möglich ist, dann wartet Reichert lieber ab: "Dann mache ich die Nachrichtenminute lieber eine halbe Stunde später, weil ich gerade nicht final bewerten kann, ob das jetzt stimmt."   

Zwei-Quellen-Prinzip 

Wenn mehrere Quellen unabhängig voneinander das Gleiche berichten, sich also gegenseitig bestätigen, erst dann kann Marius Reichert guten Gewissens eine Nachricht veröffentlichen.

Dabei spielt natürlich eine wichtige Rolle, welchen Quellen man vertrauen kann, und wie man die Nachricht dann formuliert: "Wir bleiben trotzdem in der Wortwahl oft zurückhaltend. Das macht man durch Konjunktiv. Oder mit Konstruktionen wie ‚offenbar‘ oder ‚soll es gegeben haben‘, ‚nach ukrainischen Angaben‘, ‚nach russischen Angaben‘ und so weiter. Damit mache ich transparent, dass ich gerade nicht zu 100 Prozent safe sagen kann, dass es so ist."

"Wir checken Videos und Informationen rückwärts"

Marius Reichert ist dabei auch angewiesen auf die Hilfe von Kolleginnen und Kollegen, die Videos und Bilder im Netz technisch überprüfen. Jörn Ratering sitzt beim ZDF in solch einem Rechercheteam: "Wir checken Videos und Informationen rückwärts, also wo die das erste Mal aufgetaucht sind, ob die überhaupt neu sind. Und wir überprüfen natürlich die Quelle."

Es gibt hauptsächlich zwei Arten von Täuschung, erzählt Ratering. Zum Beispiel werden alte Filme und Videos genutzt, oder sogar Szenen aus Computerspielen. Die werden dann als angeblicher Beleg für einen vermeintlichen Angriff hergenommen. Oder echte Videos und Bilder werden mit den Mitteln der Propaganda in Frage gestellt, wie beim Angriff auf eine Geburtsklinik in Mariupol: "Dort behauptete die russische Führung, dass dort immer dieselbe Frau auf mehreren Fotos zu sehen ist, quasi in unterschiedlichen Gewändern. Und wir haben dann mit einem Abgleich der Gesichter, die verschiedenen Frauen überprüft. Und es handelt sich um unterschiedliche Frauen und nicht um eine Schauspielerin. So was können wir dann aufdecken."

Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst? Nein, nicht unbedingt

Der Journalismus heute muss reagieren und hat das zum Teil auch schon getan, sagt Margreth Lünenborg, Kommunikationswissenschaftlerin und Journalismusforscherin an der Freien Universität Berlin: "Ich würde diesen Satz: 'Die Wahrheit stirbt zuerst' nicht als ein quasi Gottesurteil hinnehmen wollen, sondern ich denke eher, das fordert den Journalismus noch einmal heraus." Lünenborg hat ein prominentes Beispiel zur Hand, wie sich Journalistenteams organisieren: "Wir haben erlebt, dass die New York Times sehr präzise Datenmaterial geprüft hat, und damit Kriegsverbrechen sichtbar geworden sind."

Mit den vielen Kanälen, die heute zugänglich sind, sagt die Forscherin, sind auch für den Journalismus neue und komplexere Aufgaben entstanden: "Da gibt es in Deutschland durchaus noch Nachholbedarf." Für sehr wichtig hält Lünenborg, dass die Unsicherheit oder die nicht vollständige Erklärbarkeit von Informationen oder Bildern auch mitkommuniziert wird: "Und ich halte das auch für einen wichtigen Baustein mit Blick auf die Glaubwürdigkeit von Journalismus. Da, wo Zweifel existieren, müssen diese offen kommuniziert werden."

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