Ein Mann fotografiert eine Wand voller Smartphones bei der Funkausstellung Berlin
Smartphones bei der Funkausstellung Berlin Bild © picture-alliance/dpa

Sehen wir nur, was Facebook, Twitter und Google uns zeigen? Leben wir in Filterblasen, persönlich auf uns zugeschnitten – von Algorithmen bestimmt? Drei Experten erklären, was die Digitalisierung mit uns und unserer Gesellschaft macht.

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zum Artikel Wie verändert die Digitalisierung unsere Demokratie?

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Leben wir alle in Filterblasen? Diese Frage treibt Katharina Zweig um. Sie erforscht an der TU Kaiserslautern wissenschaftlich, wie Algorithmen unser Leben beeinflussen. Diese sortieren für uns Informationen vor und analysieren gleichzeitig unser Nutzerverhalten. Und es gibt viele Beispiele, wo Algorithmen die Gesellschaft beeinflussen, sagt Katharina Zweig. "Sie könnten sehr viel stärker darüber mitbestimmen, ob wir einen Kredit bekommen, welche Ausbildung wir bekommen, ob wir eine Gehaltserhöhung bekommen. Insofern erwarte ich, dass sie viel Einfluss haben werden."

Keine Google-Filterblase

Zur Bundestagswahl 2017 hat die Algorithmus-Forscherin mit über viertausend Freiwilligen am Beispiel von Google untersucht, ob wir tatsächlich in einer Filterblase stecken oder nicht. Das Ergebnis hat selbst Zweig überrascht: "Die meisten Leute kriegen dieselben Nachrichten, dieselben Informationen über unsere Politiker und die Parteien. Und das halten wir erst mal für eine gute Grundlage, damit wir eben nicht in Filterblasen getrennt voneinander leben."

Entspannt zurücklehnen können wir uns deshalb aber noch lange nicht. Zweig würde auch sehr gerne die Algorithmen von Facebook und Twitter untersuchen – die halten sich aber bedeckt, was ihre Daten angeht. Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft. Wie sehr, dass vermag die Algorithmus-Forscherin Katharina Zweig noch nicht abzuschätzen.

Auf dem Weg in die desinformierte Gesellschaft

In einer digitalisierten Gesellschaft verdrängen auch zunehmend Falschmeldungen, Gefühle und Verschwörungstheorien "gesichertes" Wissen, sagt Stephan Russ-Mohl, Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Universität Lugano. Für ihn liegt die Gefahr für die Demokratie darin, dass wir auf dem Weg sind in eine desinformierte Gesellschaft - befördert durch Algorithmen und Echokammern. "Über die Echokammern hinweg wird nicht mehr diskutiert, das halte ich für sehr verhängnisvoll für eine Demokratie, wo man eigentlich von denen, die anderer Meinung sind, bereit sein sollte, zu lernen."

Diesem Phänomen sei nur beizukommen, indem man Falschmeldungen, wo immer sie auftauchen, richtigstellt. Das allein als Lösung sei aber zu kurz gedacht, sagt der Medienforscher.  "Was auch wichtig wäre, ist, dass wir sehr viel mehr in unserer Gesellschaft über Medien, über Journalismus, über Redaktionsalltag aufklären. Das ist für die meisten Mitmenschen eine Blackbox.“

Demokratie ein Auslaufmodell?

Der Ton im Netz wird rauer und die Sprache aggressiver – vor allem in den Sozialen Netzwerken. Aber auch das zeigen aktuelle Daten-Analysen: Diese Hater sind nicht die Mehrheit, sondern die Minderheit – wenn auch eine lautstarke. Nicht zuletzt befördert durch den Facebook-Algorithmus.

Allein schon diese Zahlen zu kennen, hilft, zum Beispiel Shit-Storms und Hass-Kommentare besser einzuschätzen. Aber wie bedroht ist die Demokratie durch den digitalen Wandel? Ist sie vielleicht sogar ein Auslaufmodell? Auf jeden Fall werde sie sich grundlegend ändern, sagt Gary S. Schaal, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Hamburg: "Ich sehe die Demokratie in Gefahr, ich bin sogar relativ pessimistisch", sagt er. "Sie hat die Möglichkeit, sich positiv zu entwickeln, wenn wir in den nächsten vier bis fünf Jahren die grundlegenden Herausforderungen durch institutionelle Reformen angehen."

Sollte dies nicht gelingen, haben wir den Übergang zu autoritär-überwachungsstaatlichen Tendenzen, sagt Schaal. Hier sieht er auch die Parteien in der Pflicht, die seiner Meinung nach nicht genügend auf die Herausforderungen der Digitalisierung eingehen.

Demokratie in Einheitsgröße

Unsere jetzige Demokratie beruhe auf analogen Gedanken und analoger Willensbildung, so der Politikwissenschaftler. Wie könnte also der Weg von der analogen hin zur digitalen Demokratie gelingen? Ein Beispiel ist Finnland: Hier gibt es sogenannte "Crowdsourcing"- Initiativen. Das heißt, in Finnland werden Bürgerinnen und Bürger über digitale Plattformen zum Beispiel an der Entstehung von Gesetzen beteiligt. Die Entscheidungen zum Gesetz selbst, werden am Ende vom Parlament verabschiedet. Ein solcher demokratischer Prozess wäre auch für Schaal in Deutschland denkbar.

Letztendlich seien wir aber am Ende auch alle als Bürger gefragt, die Demokratie als ein gemeinschaftliches Projekt zu sehen, sagt Schaal. "Demokratie ist kein Projekt, das man in 35 Farben, 32 Anfertigungen und in was weiß ich wie vielen unterschiedlichen Formen personalisiert bekommt. Es ist 'One size fits it all'." Demokratie gibt es nur in Einheitsgröße.

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Sendung: hr-iNFO, 8.3.2018, 21.35 Uhr

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