Nachtleben (Symbolbild)

Was haben Amsterdam, Paris und New York gemeinsam mit Wiesbaden? Auf den ersten Blick wohl eher wenig, aber die hessische Landeshauptstadt schließt jetzt auf in die Reihe der Party-Metropolen, die einen Nachtbürgermeister suchen. Wir erklären, was der tun soll - und was Interessierte mit sich bringen sollten.

Die hessische Landeshauptstadt hat nicht gerade einen aufregenden Ruf als Partyhochburg. Im Gegenteil. "Spießbaden" hat eher das Problem, für junge Menschen zu wenig attraktiv zu sein, sagt Noah Benjamin Said. Deshalb hat das Jugendparlament, dessen Vorsitzender er ist, schon 2018 einen "Nachtbürgermeister" gefordert. "In Wiesbaden ist es tatsächlich schwierig, richtig zu feiern", sagt er. "Im Vergleich zu Mainz und Frankfurt haben die Jugendlichen hier eben nicht die Möglichkeiten, nachts gut ausgehen zu können. Die meisten von uns flüchten nach Frankfurt oder Mainz und das wollen wir eben beheben."

Szene ankurbeln und junge Interessen vertreten

Seit beliebte Clubs wie das New Basement in der Nerostraße wegen Beschwerden über Lärm und hoher Vergnügungssteuern das Licht ausgeknipst haben, gibt es für Nachtschwärmer kaum noch attraktive Angebote. Ein Nachtbürgermeister soll das ändern, soll die Szene ankurbeln, bei Stadtentwicklungsprojekten wie der neuen Citypassage mitreden. "Der Nachtbürgermeister soll grundsätzlich mal so jung sein wie wir, nur dann kann er die Interessen der Jugendlichen, der Studenten verstehen", sagt Noah Benjamin Said.

Seit Anfang September läuft die Ausschreibung. Gesucht wird jemand als Sprachrohr und Kontaktperson, als Vermittler zwischen Nachtschwärmern, Anwohnern, Gastronomen und Stadtverwaltung, jemand an der Schnittstelle zwischen Tag und Nacht. Bewerberinnen und Bewerber sollten sich gerne im Nachtleben tummeln und in der Kulturszene vernetzt sein. Und das bitte ehrenamtlich, bei einem geforderten Zeitaufwand von etwa 14 Stunden pro Woche, gerne abends und am Wochenende.

Ehrenamtlich bis zu 14 Stunden pro Woche

Bislang ist erst eine einzige Bewerbung eingegangen, seufzt Carl-Michael Baum, Leiter des Bürgerreferats der Stadt Wiesbaden. Er stelle sich das auch nicht so einfach vor, weil der Job zum einen nicht bezahlt sei und ein gewisser Zeitaufwund damit sei, zum anderen müsse man schauen, wer denn tatsächlich geeignet sei, diese Aufgabe zu übernehmen.

Vorbild ist die Nachbarstadt Mainz, die seit einiger Zeit einen ehrenamtlichen Nachtkulturbeauftragten beschäftigt. Als Polizei-Ersatz soll der Nachtbürgermeister nicht auftreten, sondern bei Konflikten in Zusammenarbeit mit Stadtpolizei und Ordnungsamt zwischen Anwohnern und der Partyszene vermitteln. Denn in Corona-Zeiten haben sich auch in Wiesbaden die Partys in den öffentlichen Raum verlagert: Man trifft sich am Warmen Damm, einer öffentlichen Grünfläche, und verlagert sich später in die Wagemannstraße hinter dem Landtag, wo es einige Kneipen gibt, die dem Ansturm nicht gewachsen sind.

Idee aus Amsterdam

Wir haben so viel Theater gerade mit den Jugendlichen", erzählt Werner Erdmann, Ehemann der Betreiberin der Litfasssäule. "Die Trinkhallen dürfen auflassen die ganze Nacht, das heißt die Jugendlichen holen sich da ihre Getränke, laufen hier überall durch, wollen bei uns auf die Toilette gehen, schmeißen das Zeug alles hin, Nachbarn beschwern sich ohne Ende, und auf uns fällt es zurück." Von einem Nachtbürgermeister verspricht er sich nicht allzu viel. Man bräuchte eher "so einen Deeskalationsbürgermeister vielleicht."

Die Ausschreibung läuft noch bis Ende September, anfangen soll der Nachtbürgermeister – männlich, weiblich oder divers – Anfang nächsten Jahres. Die Idee kommt ursprünglich aus Amsterdam. Pionier Mirik Milan ist dort seit 2012 im Amt und hat es mittlerweile geschafft, die ursprünglich ehrenamtliche Stelle zu seinem richtigen Beruf zu machen. Die Stadt kommt zur Hälfte für sein Gehalt auf, die andere Hälflte finanziert sich aus Spenden.

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