Frau steht an Fenster und schaut raus

Depressionen sind traurig. Aber daran stirbt man ja nicht. Psychopharmaka machen abhängig. Oder doch nicht? hr-iNFO-Wissenschaftsredakteurin Judith Kösters und Psychiaterin Katja Bonardi zerlegen weit verbreitete Depressions-Mythen. 

Katja Bonardi ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Frankfurt. Hr-iNFO-Wissenschaftsredakteurin Judith Kösters hat mit ihr über Depressions-Mythen gesprochen. Die Antworten von Frau Bonardi haben wir für diesen Artikel gekürzt und zusammengefasst. Das ganze Gespräch und mehr Mythen hören Sie im Podcast „Wissenswert: Crashkurs Depression“.

Mythos 1: Depressionen sind traurig

Traurigkeit ist gar nicht das Hauptsächliche, weswegen Menschen einen Therapeuten oder eine Therapeutin aufsuchen. Viele Menschen kommen unter ganz anderen Vorzeichen: Zum Beispiel, weil sie auf nichts mehr Lust haben, sich zurückziehen oder nichts mehr fühlen können. Man kann dann also auch Traurigkeit nicht mehr unbedingt fühlen. Manche kommen auch, weil sie körperliche Symptome haben und Ärzte nicht fündig geworden sind, andere haben Schlafstörungen. Also: Es gibt sehr viele Symptome, Depression kann viele Gesichter haben. Eine Person ist vielleicht unruhig und fühlt sich getrieben, eine andere schläft 14 Stunden und kommt überhaupt nicht mehr aus dem Haus.

Depressionen sind nicht zwangsläufig geprägt von Traurigkeit. Traurigkeit kann ein Element sein, aber sie ist nicht der Hauptcharakter einer Depression.

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Crashkurs Depression

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Mythos 2: Eine Depression ist immerhin keine tödliche Krankheit

Eine Depression kann zum Tod führen. Bei Depressionen gibt es immer die Möglichkeit des Entwickelns von Suizidgedanken und auch die Möglichkeit, dass Menschen sich tatsächlich umbringen. Und auch wenn man nicht von der gravierendsten Version ausgeht, ist eine Depression eine hoch belastende Krankheit.  Eine Depression wird oft unterschätzt, weil man es ja normalerweise keinem ansieht.

Aber eine Depression ist wie ein Seelenkrebs – etwas, das tief drin ist und sich reinfrisst und was man eben nicht innerhalb von kürzester Zeit wieder loswird. Es ist ja auch eine Form von organischer Erkrankung. Das wird ja auch gerne mit dem Satz ‚es ist ja nur nervlich‘ kleingeredet. Aber das wird einer Depression nicht gerecht, weil es wirklich eine schwerwiegende Erkrankung ist.

Mythos 3: Psychopharmaka machen abhängig

Ganz oft braucht es bei Depressionen Medikamente, um eine Verbesserung zu erzielen. Wenn man ein Bein bricht, braucht man ja auch Krücken – eine links und eine rechts. Und bei der Depression sind eben Medikamente die eine Krücke und eine Psychotherapie die andere.

Der Erkrankte wird dann nicht gesteuert von den Medikamenten, davor haben viele Angst, sondern die Menschen nehmen die Medikamente ein, um wieder mehr zu ihrer Ursprungs-Persönlichkeit, ihrer gesunden Persönlichkeit zurückzukehren. Aber weil das oft nicht alleine hilft, braucht es eine Psychotherapie. Viele Psychotherapeutin sagen jedoch auch, dass manche Menschen erst Medikamente brauchen, um von einer Psychotherapie profitieren zu können.

Was die Abhängigkeit angeht: Tabak oder Nikotin machen zum Beispiel abhängig – wenn man das regelmäßig zu sich nimmt, gewöhnt man sich daran und wenn man den Stoff nicht bekommt, verlangt der Körper danach. So ist das auch bei Alkohol oder Drogen. Das trifft bei Antidepressiva aber definitiv nicht zu, sie machen nicht abhängig.

Manche fragen sich auch, ob sie mit Antidepressiva wie Roboter rumlaufen oder sich die Persönlichkeit verändere. Solche Medikamente gibt es aber quasi gar nicht mehr, vor allem nicht zur Behandlung von Depressionen. Sie verändern höchstens die Persönlichkeit dahingehend, dass man zu seiner alten Persönlichkeit zurückfindet.

Wenn jemand sagt, mit Medikamenten mogele man sich so durch die Krankheit und wolle die eigentlichen Gründe nicht sehen, sollte er oder sie sich die Frage stellen: Wenn ich Krebs hätte, würde ich dann auch keine Chemotherapie machen? Da sind wir wieder beim Seelenkrebs: Depressionen sind wirklich eine schlimme, schwere Erkrankung. Und es gibt Medikamente, die helfen können. Aber es ist natürlich die Entscheidung jedes einzelnen, ob er Medikamente nehmen will oder nicht.

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Hilfe bei Depressionen

Bei Suizidgedanken sollten sie in jedem Fall die Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort kontaktieren. Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter der Telefonnummer 116 117 zu erreichen. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Hilfsangebote.

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung zu jeder Tages- und Nachtzeit unter den bundesweiten Telefonnummern (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222. Die Telefonseelsorge bietet auch eine Mail- und eine Chat-Beratung an.
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: erreichbar montags, dienstags und donnerstags von 13 bis 17 Uhr sowie mittwochs und freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr unter (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet auch einen Selbsttest sowie Informationen und Adressen rund um das Thema Depression an.
  • Diskussionsforum Depression: Erfahrungsaustausch für Betroffene und Angehörige
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