Nordirland: In Belfast liefern sich Jugendliche gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. (AP)

Erneut eskaliert in den letzten Tagen die Gewalt in Nordirland. Seit 23 Jahren herrschte Frieden, doch die Angst vor einer Rückkehr der Auseinandersetzungen war nie ganz weg. Wir erklären, was die aktuellen Auslöser sind.

Bis heute verlaufen viele politische Konfliktlinien in Nordirland entlang der alten Bürgerkriegsfronten. 30 Jahre dauerte dieser Bürgerkrieg, rund 3.500 Menschen kamen darin ums Leben, zehntausende trugen Verwundungen davon, ehe das Karfreitagsabkommen von 1998 Frieden brachte – einen allerdings fragilen Frieden.

Umstrittene Entscheidung der Staatsanwaltschaft

Auch heute noch stehen auf der einen Seite die sogenannten Unionisten, meistens Protestanten, die sich zur Union mit dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland bekennen. Auf der anderen Seite sind die meist katholischen Republikaner, die einen Anschluss des Nordens an die Republik Irland im Süden wollen. Für die Unionisten sitzt die DUP in der Regionalregierung, für die Republikaner Sinn Fein, die früher als politischer Arm der Terrororganisation IRA galten.

Konkreter Anlass für die jüngsten Krawalle ist nun die Beisetzung eines früheren IRA-Kämpfers im vergangenen Sommer. Dazu waren hunderte, manche sagen bis zu 2.000 Trauergäste angereist, auch führende Mitglieder von Sinn Fein – und das mitten im Lockdown. Trotzdem hat die Staatsanwaltschaft in der vergangenen Woche entschieden, dass es in der Abwägung zwischen der Sensibilität dieser Beisetzung und der Gefahr für die öffentliche Gesundheit keine Strafverfolgung geben wird, weil letztlich wahrscheinlich kein zweifelloser Rechtsbruch nachgewiesen werden könne.

Brexit-Regelungen und Bandenkriege im Drogenmilieu

Die Unionisten kritisieren das scharf und sagen: Für Sinn Fein gelten wohl andere Regeln als für alle anderen. Darüber hinaus stören sich die Unionisten auch an den Brexit-Regelungen mit der EU für Nordirland. Sie befürchten, dass die jetzt unterschiedlichen Regeln für ihren Landesteil und den Rest Großbritanniens zu einer schleichenden Loslösung vom Vereinigten Königreich führen.

Sicherheitskräfte in Nordirland machen allerdings auch Bandenkriege im Drogenmilieu zumindest teilweise für die Krawalle mitverantwortlich. Der inzwischen fast ein Jahr mehr oder weniger durchgängig andauernde Lockdown habe dazu geführt, dass vor allem junge Menschen für die Anwerbung durch Banden besonders anfällig geworden seien.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 12.4.2021, 12 bis 15 Uhr

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