Ein Liebespaar küsst sich zum Valentinstag

Bonobos tun's, Papageien ebenso und wir Menschen sowieso: küssen. Aber warum eigentlich? Und seit wann?

Wer außer dem Menschen küsst sich noch - und warum?

Zum Beispiel Pferde, Papageien, Krähen. Beim Küssen lässt man ja ein anderes Tier ganz dicht an einen ganz empfindlichen Bereich: den Kopf mit seinen empfindlichen Sinnesorganen. Ein Kuss ist also ein Ausdruck großer Nähe und Vertrautheit. Für solche intimen Berührungen muss man nicht mal Lippen haben. Schnäbel gehen auch. Wenn Papageien bei der Balz schnäbeln, verschenken sie wertvolles Futter an den Partner. Krähen suchen durch Schnabelreiben Trost bei ihrem Partner. Gleichzeitig wird dadurch Stress minimiert, und die Partnerschaft wird gestärkt. Bei uns übrigens auch.

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Am 6. Juli ist der internationale Tag des Kusses. Er wurde Anfang der 90er Jahre in Großbritannien etabliert.

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Es gibt auch Verhaltensweisen, die die Aufgabe von Küssen haben, aber nicht wie küssen aussehen. Pferde zum Beispiel beknabbern sich an Hals oder Schulter, andere Tiere beschnüffeln sich, lecken einander die Schnauze ab. Katzen begrüßen ihre Artgenossen wie auch ihre Menschen mit Nasenküssen. Ameisen klopfen sich gegenseitig mit ihren Fühlern ab und kommen so an Informationen über den Artgenossen.

Bonobos tun's auch mit Zunge

Wie sieht es bei Primaten aus?

Auch da gibt es Verhaltensweisen, die man mit Küssen gleichsetzt. Vor allem Affenkinder werden viel und herzlich geküsst. Affeneltern küssen ihre Kinder, der große Affenbruder küsst die kleine Schwester. Als besonders eifrige Küsser gelten - wie soll es anders sein - die Bonobos. Die zentralafrikanischen Waldschimpansen gelten als unsere nächsten Verwandten. Sie küssen sich beim Begrüßen, beim Schmusen und zum Beruhigen. Sogar Zungenküsse gibt es, und zwar wenn Bonobos sexuell erregt sind - gewissermaßen als Vorspiel zur Paarung. Sie küssen übrigens auch artübergreifend: Tierpfleger im Zoo kommen auch schon mal in den feuchten Genuss, wenn sie kurz unaufmerksam sind. Normale Schimpansen küssen sich als Versöhnungsgeste nach familiären Zwistigkeiten.

Manchmal ist ein Kuss zwischen Affen übrigens auch kein wirklicher Kuss: Manche suchen auch einfach im Maul ihres Artgenossen nach Nahrungsresten.

Versöhnungsgeste, Paarungsvorspiel, begrüßen, beruhigen: Es scheint viele Gründe fürs Küssen zu geben.

Genau. Wobei es aber auch übergeordnete Theorien gibt, die versuchen, das alles zusammenzufassen: Eine besagt, dass man bei der Annäherung im Kopf-Gesicht-Bereich die Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinne nutzen kann, um über Ablecken oder Beschnüffeln an Informationen zu kommen. Über Duft- und Geschmacksstoffe beispielsweise kriegt man Infos über Krankheit und Vitalität also Dinge, die für Partnerwahl oder andere soziale Interaktion wesentlich sein könnten.

Brutpflege oder sexuelles Ritual?

Wie hat sich das das Sympathie- und Liebesritual Kuss in der Evolution überhaupt entwickelt?

Die Antwort auf diese Frage ist umstritten. Einige Forscher gehen davon aus, dass sich das Küssen zuerst in höheren Gesellschaftsschichten etablierte und sich von dort als Statusverhalten nach unten verbreitet hat. Aber die Wurzeln müssen irgendwo noch tiefer sein. Der Kuss könnte aus der Brutpflege kommen: eine Art Fütterungsritual, bei dem vorgekaute Nahrung an noch zahnlose Kinder weitergegeben wird. Das kennt man von allerlei Tieren und sogar von einigen ursprünglich lebenden Völkern.

Es könnte aber auch sein, dass die Wurzel des Kusses eher sexueller Natur ist. Bei Begegnungen zwischen Vierbeinern ist es nicht unüblich, sich am Hinterteil zu beschnüffeln und zu belecken. Das kennt man vom Hund. Diese Geste hat sich beim Aufrichten des Menschen von unten nach oben verlagert.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 6.7.2020, 12 bis 15 Uhr

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