Frau hält eine Weltkarte

Noch sind wir mittendrin in der Corona-Krise. Doch schon jetzt lassen sich Lehren für die Zukunft ziehen - etwa für Umwelt- und Klimaschutz, internationale Zusammenarbeit, das Gesundheitssystem oder digitale Bildung. Wir haben zehn Experten gefragt, was wir aus der Krise lernen können.

1) Gesellschaft
2) Umwelt
3) Soziale Ökologie
4) Gesundheitssystem
5) Politik international
6) Politik national
7) Soziale Berufe (Pflege)
8) Home Office und mobiles Arbeiten
9) Digitale Bildung
10) Tourismus

Gesellschaft

Aladin El-Mafaalani, Soziologe und Professor für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück

Irgendwann ist das alles überstanden. Und dann wird unvergessen bleiben, wie wichtig so altmodische Dinge wie Familie, professionelle Medien, ein gut funktionierender Staat und verlässliche Politiker/innen sind. Und dass Digitalisierung nicht nur hip, sondern auch wirklich notwendig ist. Wie existenziell Polizei, Feuerwehr und Müllentsorgung, Wasser- und Stromversorgung, aber auch Postzusteller/innen, LKW-Fahrer/innen und Arbeitskräfte im Gesundheitssystem und in Lebensmittelindustrie und -einzelhandel sind.

Und wie unverzichtbar Kitas und Schulen sind. Letztlich stellen wir derzeit fest, dass sehr viele Menschen systemrelevant sind. Das könnte eine Triebfeder für Anerkennung und gesellschaftlichen Zusammenhalt sein – und vielleicht auch für ernsthafte Diskurse über die Zukunft unserer Gesellschaft.

Umwelt

Jörn Ehlers, Leiter Content und News WWF

Der Himmel über Europa ist so blau wie lange nicht. Satellitenbilder zeigen, dass die Luftverschmutzung durch den Corona-Lockdown drastisch abgenommen hat. Das Klima atmet durch den Stillstand des öffentlichen Lebens ein wenig auf. Selbst das verloren geglaubte Klimaziel für 2020, ein Rückgang der Emissionen um 40 Prozent unter dem Niveau von 1990, kommt wieder in Reichweite. Kein Grund zum Jubeln.

Angesichts der Abertausenden Corona-Opfer ist das eine sehr bitter erkaufte Umweltentlastung. Der kurzfristige Effekt wird zudem sehr schnell verpuffen, wenn die Produktion wieder anrollt und die Schornsteine wieder rauchen. Schon kommt die Automobilindustrie aus der Kurve und fordert schärfere EU-Klimavorgaben zu kippen. Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag will geplante klimapolitische Maßnahmen am liebsten aussetzen. All das zielt auf einen Neustart von Business as usual ab. Das würde zu einer Zementierung der hohen Emissionen führen und genau das können wir uns nicht leisten. Je länger die notwendigen Klimaschutzmaßnahmen aufgeschoben werden, desto höher wird der Preis.

Deshalb muss bei den angekündigten Konjunkturpaketen jetzt sehr genau darauf geachtet werden, auf welche Technologien man setzt. Nicht nur um Umwelt und Klima zu entlasten, sondern auch um langfristige Perspektiven für Beschäftigte zu schaffen. Ziel muss es sein, die überfällige Transformation mit einem fairen Strukturwandel unserer Wirtschaft und Infrastrukturen hinzubekommen. Deshalb ist es richtig, die mittel- und langfristigen Hilfsprogramme an den Grundlinien des European Green Deal auszurichten. Nur so ist die angestrebte klimaneutrale EU bis 2050 tatsächlich zu schaffen. Klare Signale sollten in drei Richtungen gehen. Erstens: Fossile Brennstoff- und ressourcenintensive Industrien müssen zukunftsfähig werden. Zweitens: Energie- und emissionsintensive Industrien, Gebäude und Infrastrukturen brauchen klare Transformationspläne. Drittens: Globale Treibhausgasneutralität und transparente, nachhaltige Produktionsketten werden zu einem wichtigen Element bei Investitionsentscheidungen.

Soziale Ökologie

Dr. Thomas Jahn, Sprecher der Institutsleitung des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE)

Es ist noch zu früh dafür, um klar zu erkennen, wie Corona unsere Gesellschaft verändern wird, wie wir nach COVID-19 zusammenleben werden und welche Spuren die Pandemie in der Wirtschaft hinterlassen wird. Soviel scheint aber sicher: Ein nahtloses Anknüpfen an die Zeiten vor der Pandemie wird es nicht geben können. Diese Erkenntnis rückt schlagartig in das öffentliche Bewusstsein und bricht in das alltägliche Leben vieler Menschen ein.

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„Wir haben die Aufgabe, eine vollständige Rückkehr zu dem, was vor der Corona-Krise "Normalität" war, zu vermeiden.“
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Und mehr noch: Wir müssen beobachten, dass in dieser Krisensituation nationale Abschottungsstrategien zur Bewältigung der Krise herangezogen werden und vielerorts die Gefahr autoritärer Lösungen wächst. Nicht wenige befürchten zudem, dass unter der Dominanz der Corona-Krise ebenso wichtige Themen wie Erderwärmung, Artenverlust und Kriegsgeschehen auf lange Sicht in den Hintergrund treten oder gar abgewertet werden. Wenn man also zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt schon von "Lehren" aus der aktuellen Situation sprechen kann und will, dann von der Erfahrung, dass politische Krisen-Gestaltung in einem bisher ungekannten Maß und in nie dagewesener Geschwindigkeit möglich ist. Diese Erfahrung der Entschlossenheit gilt es zu nutzen.

Klimakrise und Artensterben waren zuletzt weltweit auf der Tagesordnung – jetzt geht es darum, sie von dort nicht in die Ablage verschwinden zu lassen. Denn wir dürfen bei aller Sorge und Angst über Corona nicht vergessen: Auch mit Klimawandel und Artensterben sind dramatische soziale, ökologische und ökonomische Krisenszenarien verbunden. Wir haben jetzt die Chance, uns als Gesellschaft anders dazu zu verhalten, wir haben die Aufgabe, eine vollständige Rückkehr zu dem, was vor der Corona-Krise "Normalität" war, zu vermeiden. Dabei kommt es auch auf etwas an, das Gesellschaften derzeit in einem Crashkurs erproben: ein reflektierter, transparenter und mutiger Umgang mit Unsicherheit, Nichtwissen und unterschiedlichen Sichtweisen. Eine zentrale Einsicht aus der Corona-Krise sollte sein, dass wir uns Nachsorge nicht mehr leisten können – weder mit Blick auf kommende Epidemien noch wenn es um die Gestaltung einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung geht.

Gesundheitssystem

Claus Wendt, Professor für Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems an der Universität Siegen

Das deutsche Gesundheitssystem ist für die aktuelle Gesundheitskrise vergleichsweise gut gerüstet. Zustände wie in Italien oder Spanien konnten auch durch ein System der Gesundheitsversorgung vermieden werden, das mit erheblichen Ressourcen gut ausgebildetes Gesundheitspersonal und technische Geräte für die Patientinnen und Patienten zur Verfügung stellt. Eine große Krise für die gesamte Gesellschaft, die Wirtschaft und die Politik zeigt jedoch auch, was noch verbessert werden muss. Das Gesundheitssystem und die Gesundheitspolitik haben dringend umfassende Lehren aus der Pandemie zu ziehen, um für ähnliche Krisen und auch für den demografischen Wandel der nächsten Jahrzehnte besser vorbereitet zu sein:

Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes
Die Corona-Krise hat uns sehr deutlich vor Augen geführt, dass wir zu lange den öffentlichen Gesundheitsdienst vernachlässigt haben. Der öffentliche Gesundheitsdienst, also vor allem die Gesundheitsämter, sind erstens besser auszustatten, zweitens müssen ihnen zusätzliche Aufgaben übertragen werden und drittens sind Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes eng mit dem Gesundheitssystem und mit sozialen Diensten abzustimmen.

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„Die Corona-Krise zeigt nachdrücklich, dass Krankenhäuser eine sehr viel größere Grundfinanzierung unabhängig von den konkreten Leistungen benötigen.“
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Diese zusätzlichen Aufgaben müssen auf Gesundheitsprävention und gesundheitliche Vorsorge ausgerichtet sein und das Ziel haben, die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt zu verbessern und in Krisensituationen effektiv zu schützen. Beispielsweise haben wir in Deutschland durch eine ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung zu viele stark übergewichtige Menschen. Ein besser ausgestatteter öffentlicher Gesundheitsdienst würden durch eine Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung Krankenhäuser und weitere Gesundheitseinrichtungen nicht nur in Krisenzeiten entlasten. Die für diese Aufgaben zuständigen Kommunalverwaltungen in Dänemark und Schweden haben beispielsweise besonders schnell und effektiv die Bevölkerung informiert, Erkrankte identifiziert und Risikogruppen geschützt.

Änderung der Krankenhausfinanzierung
Krankenhäuser werden vor allem je Krankenhausfall finanziert. Für eine Blinddarmoperation erhält ein Krankenhaus einen bestimmten Betrag und damit muss das Krankenhaus wirtschaften. Dadurch entsteht ein Wettbewerb und Krankenhäuser haben nur geringe Ressourcen, und dadurch nur geringe Anreize, wichtige Leistungen für Krisenzeiten vorrätig zu halten. Das sieht man besonders in den USA, wo wirtschaftliche Fragen einen noch größeren Einfluss auf die Gesundheitsversorgung haben als in Deutschland. Aber auch wir befinden uns auf einem ähnlichen Weg.

Videobeitrag

Video

zum Video Gesundheitssystem: "Auf die Schulter klopfen reicht nicht"

Professor Claus Wendt
Ende des Videobeitrags

Die Corona-Krise zeigt nachdrücklich, dass Krankenhäuser eine sehr viel größere Grundfinanzierung unabhängig von den konkreten Leistungen benötigen. Nur ein Teil der Krankenhausfinanzierung darf an die Krankenhausfälle gekoppelt werden. Eine solche Ausweitung der Kapazitäten für Krisenzeiten ist allerdings nur für größere Krankenhäuser sinnvoll. Die Krise zeigt somit auch, dass kleinere Krankenhäuser weiter reduziert und die Ressourcen auf größere Kliniken konzentriert werden müssen. Kleinere Krankenhäuser könnten schrittweise in ambulante Versorgungszentren umgewandelt werden, die bei Bedarf mit Krankenhausbetten ausgestattet werden, um die Kapazitäten kurzzeitig erhöhen zu können.

Stärkung von Telemedizin und eHealth
Deutschland ist in den Bereichen Telemedizin und eHealth sehr viel schlechter aufgestellt als viele andere Länder. Einer der Vorreiter ist Dänemark. Die elektronische Patientenakte, die im nächsten Jahr eingeführt wird, trägt dazu bei, dass Gesundheitsleistungen unterschiedlicher Anbieter (zum Beispiel durch den Hausarzt, den Physiotherapeuten, die niedergelassene Fachärztin und im Krankenhaus) besser miteinander vernetzt und aufeinander abgestimmt werden. Das spart viel Zeit und Ressourcen und verringert die Belastungen für Patientinnen und Patienten. Aktuell könnten mit einer elektronischen Patientenakte und einem nationalen Patientenregister die Risikogruppen sehr viel schneller identifiziert und unterstützt werden. Die IT-basierte Vernetzung der Anbieter von Gesundheitsleistungen muss jedoch über die elektronische Patientenakte hinausgehen. Nicht nur in gesundheitlichen Krisenzeiten müssen sich Kliniken und weitere Anbieter von Gesundheitsleistungen vernetzen und über erfolgreiche Behandlungsverfahren und freie Kapazitäten austauschen. Das funktioniert nur, wenn sie nicht im Wettbewerb stehen, sondern Anreize haben, eng zu kooperieren. Außerdem ist die Telemedizin, also z.B. Videosprechstunden, auszuweiten. Das verringert die Ansteckungsgefahr, entlastet Gesundheitsberufe und Patienten und wird zukünftig ein wichtiger Baustein für die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen sein.

Politik international

Nicole Deitelhoff, Professorin für Politikwissenschaft, Leiterin des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung

Besorgt blickt die Politik in Deutschland und in Europa bereits seit geraumer Zeit auf internationale Institutionen und Vertragswerke, weil sich insbesondere die Großmächte, aber in ihrem Windschatten auch andere Regierungen von diesen Institutionen abwenden und Absprachen und Verträge ignorieren. America First ist Ausdruck einer um sich greifenden Geisteshaltung, die glaubt, dass man es auch ohne internationale Zusammenarbeit schaffe und dies sogar besser.

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„Wie kaum ein anderes Phänomen offenbart die Corona-Pandemie die Fehleinschätzung eines "Wir zuerst". Ohne internationale Zusammenarbeit lässt sich diese Pandemie so wenig wie andere globale Krisen bewältigen.“
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Wir zuerst? Wie kaum ein anderes Phänomen offenbart die Corona-Pandemie die Fehleinschätzung eines "Wir zuerst". Ohne internationale Zusammenarbeit lässt sich diese Pandemie so wenig wie andere globale Krisen bewältigen. Kooperation ist notwendig für die Produktion und Verteilung von Schutzgütern, gemeinsame medizinische Forschung und wechselseitige Hilfe in der medizinischen Versorgung, bei der Bewältigung wirtschaftlicher Konsequenzen und schließlich und in ihrem Volumen noch gar nicht abzusehen: Wiederaufbau- und Investitionsprogramme, um die sozioökonomischen Folgen der Pandemie abzufedern. Selten war internationale Zusammenarbeit so nötig, selten war sie so schwierig, weil in der Krise jeder zuerst an sich denkt. Und doch könnte dies die Stunde Europas sein, wenn sich die starken Mitgliedsländer – und dazu zählt nicht zuletzt Deutschland – hinter die EU-Kommission stellen und ihr Engagement im Krisenmanagement vorbehaltlos unterstützen - auch wenn das vielleicht bedeutet, eine Kröte zu schlucken, wie etwa die Corona Bonds. Wenn die Europäische Union in der Corona-Krise ähnlich wie in der Krise um Flucht und Migration versagt, ist sie in der Tat nicht mehr viel wert. Wenn es ihr aber gelingt, die europäische Solidarität wiederzubeleben, könnte das auch Auswirkungen auf andere Politikbereiche haben. Mit einem "Wir zuerst" würde diese Chance verpasst.

Politik national - Krisenmanagement

Michèle Knodt, Professorin für den Vergleich politischer Systeme und Europäische Integration an der TU Darmstadt, Direktorin Jean Monnet Centre of Excellence "EU in Global Dialogue", Jean Monnet Professorin, ad personam

Jedes Krisenmanagement durchläuft in der Regel vier Phasen: (1) die direkte Reaktion auf die Krise, (2) die Bewältigung der Krise, (3) die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands und (4) die Prävention bzw. die Härtung des Systems gegen die nächste Krise dieser Art. Wir befinden uns gerade im Übergang von der ersten in die zweite Phase. Das derzeitige Corona-Krisenmanagement gibt uns jedoch bereits Hinweise darauf, was zentrale Ansatzpunkte für die Diskussion in Phase vier sein werden, um zukünftiges Krisenmanagement zu verbessern.

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„Von der Krise lernen wird hier vor allem für die deutsche Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 heißen, [...] Mechanismen zu etablieren, um nationale Alleingänge [...] zu verhindern.“
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Hier sind es vor allem zwei Bereiche, die dabei hervorstechen: Die Koordination der Krisenmechanismen über die unterschiedlichen politischen Ebenen hinweg sowie horizontal zwischen politischen Akteuren, wie den Bundesländern, und das grundlegende Paradigma unseres Gesundheitssystems. Das Krisenmanagement in der Corona-Krise zieht sich insbesondere in Föderalstaaten wie Deutschland über viele politische Ebenen. In vielen Fällen hat sich dabei gezeigt, dass vor allem in der Reaktionsphase der Krise der Reflex der exklusiven Politik für die eigene politische Einheit und im Eigeninteresse im Vordergrund stand.

Dies zeigten die fehlende Koordination der Bundesländer und der Schlagabtausch zwischen einzelnen Ministerpräsidenten über Maßnahmen gegen Covid-19. Hier sehen wir, dass in der ersten Reaktionsphase die Krisenbewältigung im Zeichen des Parteienwettbewerbs und der persönlichen politischen Ambitionen stand. Gleiches sehen wir auf der europäischen Ebene, die keine exklusiven Kompetenzen im Gesundheitsbereich hat. Bereits am 2. März hat Kommissionspräsidentin von der Leyen ein "Corona Response Team" aufgestellt und versucht, die Maßnahmen der Mitgliedstaaten zu koordinieren. Trotz dieses Versuchs war die erste Reaktionsphase geprägt durch nationale Alleingänge, wie etwa einseitige Grenzschließungen; erst in der Bewältigungsphase kehrt ansatzweise die europäische Koordination zurück.

Von der Krise lernen wird hier vor allem für die deutsche Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 heißen, nicht nur die zweite und dritte Phase zu bewältigen, sondern auch Mechanismen zu etablieren, um nationale Alleingänge in der ersten Phase zu verhindern. In der vierten Phase sollte jedoch eine Debatte über das zentrale Paradigma unseres Gesundheitssystems stattfinden und diese Diskussion sollte bereits jetzt beginnen.

Die Krise hat noch viel deutlicher als alle hinlänglich bekannten Missstände in unserem Gesundheitssystem gezeigt, dass die Ökonomisierung unseres Gesundheitssystems und das zentrale Paradigma der Kosteneffizienz die Resilienz unseres Gesundheitssystems massiv herabgesetzt hat. Sie hat unter anderem zur Schließung vieler Krankenhäuser und einem Abbau von Intensivbetten geführt. Diese Kapazitäten müssen nun teilweise notdürftig und teuer wieder aufgebaut werden. Die hohen Sterberaten in Italien, Spanien und den USA zeigen, dass gerade dort, wo Kosteneffizienz ganz besonders rigide durchgesetzt wurde, die Sterberaten äußerst hoch ausfallen. Die USA hat uns dieses vermeintlich erfolgreiche Modell vorgemacht.

Die EU-Kommission hat in ihrem Europäischen Semester immer wieder Länder wie Spanien, aber auch Frankreich und die Bundesrepublik gemahnt, kosteneffizient ihr System umzubauen. Das führt in der Krise zu enormen Kosten. Gesundheit als zentraler Bestandteil der Daseinsvorsorge darf jedoch nicht weiter unter primär kosteneffizienten Gesichtspunkten gestaltet werden, hier muss dringend ein Umdenken in der Phase der Härtung stattfinden.

Soziale Berufe (Pflege)

Dr. Anja Warning, Arbeitsmarktforscherin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Bereits vor Ausbruch von Corona waren die massiven Personalprobleme der Krankenhäuser, Kliniken, Alten- und Pflegeheime bekannt, unter anderem belegt durch Forschung aus dem IAB. So klagten die Arbeitgeber bei jeder dritten Neueinstellung von Gesundheits- und Pflegefachkräften über Rekrutierungsprobleme, weil es zu wenige Bewerbungen gab und deren Qualifikationen nicht genügten.

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„Eine der wichtigsten Lehren aus dieser Pandemie muss sein, dass es Leben kostet, wenn allein ökonomische Maßstäbe bei der personellen Ausstattung von Krankenhäusern und Pflegeheimen herangezogen werden.“
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Bereits 2019 haben sich deshalb Intensivstationen für die Notfallversorgung abgemeldet, auch auf anderen Stationen wurden Neuaufnahmen zumindest zeitweise gestoppt. Bekannt war auch, wie schwierig die Arbeitsbedingungen der Gesundheits- und Pflegekräfte sind: Es gibt zu wenige, sie arbeiten unter überdurchschnittlich hohem Zeitdruck mit teils hohen körperlichen Belastungen, oft im Schichtdienst, und das alles bei schlechter Bezahlung.

Corona hat diese Zustände in Höchstgeschwindigkeit sichtbar gemacht: Jeder begreift, wie existentiell diese Berufe für uns alle sind und gleichzeitig sehen wir, mit welch unglaublicher Motivation die Fachkräfte trotz allem nun für uns im Einsatz sind. Eine der wichtigsten Lehren aus dieser Pandemie muss sein, dass es Leben kostet, wenn allein ökonomische Maßstäbe bei der personellen Ausstattung von Krankenhäusern und Pflegeheimen herangezogen werden. Sowohl zahlenmäßig als auch hinsichtlich ihrer Entlohnungs- und Arbeitsbedingungen werden diese sogenannten systemrelevanten Berufe deshalb (hoffentlich) eine massive – und übrigens längst fällige – Aufwertung erfahren.

Home Office und mobiles Arbeiten

Jochen Prümper, Professor für Wirtschafts- und Organisationspsychologie, HTW Berlin

Die Erkenntnisse der Forschung zu den Auswirkungen von "Mobilem Arbeiten - Home Office - Telearbeit" fallen recht zwiespältig aus. Letztendlich hängen sie unter anderem davon ab, wie offen eine Organisationskultur für diese für viele noch neue Arbeitsform ist, wie gut sich die jeweilige Tätigkeit dafür eignet und wie ergonomisch der Arbeitsplatz inklusive der Informationstechnologie in einer spezifischen Arbeitsumgebung dafür eingerichtet ist. Hinzu kommt, mit welchem "Mind Set" und mit welcher Qualifikation die Beschäftigten und insbesondere die Führungskräfte mit diesem Thema umgehen.

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„Als Gewinner dieser Krise werden diejenigen hervorgehen, die sich mit Weitblick mit den Möglichkeiten der digitalen Transformation auseinandergesetzt haben.“
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Die Corona-Pandemie bietet für Organisationen und die in ihnen tätigen Menschen Chancen und Risiken. Als Gewinner dieser Krise werden diejenigen hervorgehen, die sich mit Weitblick mit den Möglichkeiten der digitalen Transformation auseinandergesetzt haben.

Dazu gehören die Organisationen, die frühzeitig im Rahmen des Transformationsprozesses …

  • den Menschen in das Zentrum gestellt haben
  • innovative Produkte, Dienstleistungen, Geschäftsmodelle und effizientere betriebliche Prozesse mittels agiler Projektstrukturen vorangetrieben haben
  • und im Rahmen der Modernisierung der Organisation neue Wege der betrieblichen Qualifizierung gegangen sind, ihr betriebliches Gesundheitsmanagement verstärkt auf Prävention ausgerichtet haben und sich Gedanken über attraktive, zeitgemäße Arbeitszeitmodelle gemacht haben.

Dazu gehören die Führungskräfte, die rechtzeitig gelernt haben …

  • statt sich auf die Überwachung von Normen zu konzentrieren, Einfluss durch Vorbildlichkeit und Glaubwürdigkeit zu nehmen
  • auch über digitale Medien eine persönliche Bindung zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufzubauen
  • und Social Media nicht für mediale Monologe, sondern für sozial-mediale Dialoge zu nutzen.

Dazu gehören Beschäftigte, die …

  • sich verantwortungsbewusst auf die Möglichkeiten dezentraler, non-territorialer Multilokalität eingelassen haben, ohne soziale Beziehungen am Arbeitsplatz, Gesundheitsschutz und Sicherheit bei der Arbeit zu vernachlässigen
  • die verstanden haben, dass bei einem zu starken Verschwimmen von Arbeit und Privatleben die Gefahr besteht, während der Freizeit nicht abschalten zu können und damit auch häufig länger arbeiten als geplant
  • und die verstanden haben, dass ein Zugewinn durch Orts-, Zeit- und Auftragssouveränität nur dann entstehen kann, wenn sie auch über die Kompetenzen verfügen, damit umzugehen; die also mit Weitblick ihre digitalen Fach-, Sozial- und insbesondere Selbstkompetenzen entwickelt haben.

Digitale Bildung

Gerald Lembke, Medienwissenschaftler und Professor für Digitale Medien und Medienmanagement an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg

Die Corona-Pandemie ist eine Krise für unsere Gesellschaft. Doch schmerzvoller wirkt die Krise vor allem auf jene Menschen, die von Ihren Arbeitgebern nach Hause geschickt wurden. Home Office ist ein wichtiges Gesellschaftsthema geworden. Im Home Office warten nicht nur täglich stundenlange Videokonferenzen, sondern auch noch "Home Kinder". Sie wurden ebenfalls vor drei Wochen nach Hause geschickt. Und so folgt aus Home Office noch Home Schooling.

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„Die weltweite Corona-Krise zeigt uns deutlich, dass die Katastrophe nicht durch mehr oder weniger Tablets in den Schulen verursacht wird. [...] Sie besteht vielmehr in dem Irrglauben von Pädagogen und Politikern, humane Bildung nun endlich durch Technologien ersetzen zu müssen, um unsere Kinder schlau zu machen.“
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Die sozialen Medien sind voll von Diskussionen über das Schlimmere von Beiden. Natürlich gibt es keine eindeutige Antwort. Eines aber ist klar: Mit unserer Haltung einer ökonomisch geleiteten Effizienzwelt ist das Outsourcing und die liberale Erziehung zum Paradigma unserer Gesellschaft geworden. Wie passen da die neuen Buzzwords hinein? Ganztägliche Beschäftigung mit den eigenen Kindern, pädagogische Unterweisungen, Kontrolle von Hausaufgaben, Zurückdrängen und Organisieren eigener beruflicher Aufgaben. Was viele Vollzeitmütter seit jeher beherrschen, erleiden nun auch jene Väter und Mütter, die krisenbedingt zu Hause arbeiten müssen.

Wie wunderbar nähert sich mit großen Schritten der Wunsch, Kinder nicht selbst pädagogisch zu unterwiesen, sondern dies an Computersysteme und eLearnings zu delegieren. Sollte also eine Technologie existieren, die die pädagogische Unterweisung, das Fragenbeantworten und die Lernerfolgskontrolle komplett übernehmen könnte, wäre Home-Office gar nicht mehr so schlimm und Home Schooling erfolgreich an die Technologie outgesourct. Wunsch soll endlich Wirklichkeit werden. Die digitale Bildung wird so in diesen Wochen und in den nächsten Monaten einen Bestätigungsschub erfahren wie nie zuvor.

Gerade Eltern erfahren leibhaftig, welche Anstrengungen und Fähigkeiten pädagogisches Denken und didaktische Arbeit erfordern. Und genau hier liegt der Denkfehler jener Befürworter der digitalen Bildung und restlichen Digitaleuphoriker: Informationssysteme und künstliche Intelligenzen können weder pädagogisch noch didaktisch denken und mit jungen Menschen arbeiten. Dies gelingt noch weniger, je höher man einen allgemeinen Bildungsanspruch an unsere nachfolgende Gesellschaft verfolgt.

Es liegt in unserer Gesellschaft, die Zeichen der Zeit nun zu erkennen und die Krise als Chance zu begreifen. Wir Eltern müssen von Pädagogen und Politikern Mut und Engagement für mehr humanorientierte und ganzheitliche Bildung unserer jungen Menschen einfordern. Die weltweite Corona-Krise zeigt uns deutlich, dass die Katastrophe nicht durch mehr oder weniger Tablets in den Schulen verursacht wird. Die Geräte sind – das zeigt die Historie neuer Medien in den Schulen – in drei Jahren abgeschrieben und dann defekt oder verschollen. Sie besteht vielmehr in dem Irrglauben von Pädagogen und Politikern, humane Bildung nun endlich durch Technologien ersetzen zu müssen, um unsere Kinder schlau zu machen.

Tourismus

Jürgen Schmude, Professor für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der LMU München

Reisen ist für viele selbstverständlich geworden, hat sich zu einem Grundbedürfnis entwickelt. Damit ist Reisen für uns so selbstverständlich geworden wie die Tatsache, dass wir keinen Hunger leiden, in Sicherheit leben und unsere sozialen Kontakte uneingeschränkt pflegen können. Entsprechend haben wir über viele Reisen gar nicht mehr nachgedacht, sondern sie einfach gemacht. Und für die meisten von uns gab es auch nicht mehr nur die eine Reise ("Die schönsten Wochen des Jahres"), sondern die Zweit- und Drittreise (z.B. Städtetrips, Shopping- oder Eventreisen) wurde ebenso selbstverständlich.

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„Wir sollten [aus der Corona-Krise] lernen, wieder mit etwas mehr Demut zu reisen und uns zu überlegen, ob wir wirklich so oft reisen müssen, jeden noch so entfernten Winkel der Welt erkunden müssen und jeden Anlass (z.B. den Junggesellenabschied) mit einer Reise verbinden müssen.“
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Die Corona-Krise lehrt uns nun, dass dies eben nicht alles selbstverständlich ist. Und gleichzeitig sehen wir, dass unsere eingeschränkte Bewegungsfreiheit positive Effekte für Natur und Umwelt mit sich bringt. Wir sollten daraus lernen, wieder mit etwas mehr Demut zu reisen und uns zu überlegen, ob wir wirklich so oft reisen müssen, jeden noch so entfernten Winkel der Welt erkunden müssen und jeden Anlass (z.B. den Junggesellenabschied) mit einer Reise verbinden müssen. Wenn uns dies gelingt, wird sich der Tourismus (hoffentlich) ein wenig mehr nachhaltig gestalten lassen. Davon würden sowohl unsere Reiseerlebnisse (die wieder stärker durch soziale Kontakte denn durch social media geprägt würden), als auch die Umwelt und Natur (die dringend einer "Erholung" bedürfen) und die Tourismuswirtschaft (die uns als Konsumenten braucht) profitieren.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 7.4.2020, 6 bis 9 Uhr

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