Obdachlose unterwegs in Frankfurt

Bei bis zu minus zwanzig Grad helfen auch drei Schlafsäcke nichts: "Ziegenpeter" weiß, wovon er spricht. Weil es in Gießen Corona-bedingt zu wenig Unterkünfte für Obdachlose gibt, muss er draußen schlafen. Auch die Situation von wohnsitzlosen Frauen mit Kindern bereitet den Sozialarbeitern große Sorgen.

Ziegenpeter, wie der 47-Jährige sich selbst nennt, ist es inzwischen gewohnt, auch bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad draußen zu übernachten. "Seit letzter Woche hat man da schon drei Schlafsäcke, und trotzdem zieht es richtig rein, wenn irgendwo eine Lücke ist, da können sie machen, was sie wollen." Seit eineinhalb Jahren lebt der großgewachsene, hagere Mann auf der Straße.

Er kennt sich gut aus, wo er Platte machen kann. Trotzdem weiß er noch nicht, wo er die nächste Nacht verbringt. "Man muss sich halt immer legale Plätzen suchen, wenn dann zum Beispiel irgendwo ein Gebäude offen ist, probiert man, da zu schlafen." Oft komme dann aber der Sicherheitsdienst. Oder man wird bestohlen, so wie bei Ziegenpeter vergangenen Samstag. Als er zu seiner Schlafstätte kam, war alles weg: "kein Schlafsack, keine Isomatte, nichts. Dann bin ich halt die ganze Nacht da rumgelaufen. Man sucht sich halt dann Plätze, wo es ein bisschen warm ist."

Große Sorge um Frauen mit kleinen Kindern

Der 47-Jährige ist einer von mehr als 20 Obdachlosen, die nach Kenntnis des Diakonischen Werkes trotz der sibirischen Kälte in Gießen draußen übernachten, weil es zu wenige Unterkünfte gibt. Die Straßensozialarbeiterin Sarah von Trott stößt immer wieder auf verschlossene Türen: "Es ist halt echt schwierig. Die Pensionen sind in der Regel voll, und dann steht man natürlich doch da, oder auch Frauenhäuser sind zurzeit extrem überfüllt."

Gerade die Situation der wohnsitzlosen Frauen mit kleinen Kindern macht den Sozialarbeitern des Diakonischen Werkes große Sorgen, denn sie stellen fest, dass es während der Pandemie immer mehr werden. "Ich habe im Moment einige Frauen mit Kindern, die auch auf der Straße stehen, weil sie häusliche Gewalt erlebt haben", sagt Sarah von Trott. Das sei ein Problem, denn Notübernachtungen mit Kind gibt es nicht. "Wenn eine Frau sich also entscheiden würde, in eine Notübernachtung zu gehen, dann würde das Kind in Obhut genommen werden. Und das macht natürlich eine Mutter mit Kind nicht. Dann tauchen die Frauen irgendwo anders mit dem Kind unter, eventuell bei einem Mann, begeben sich in Abhängigkeitsbeziehungen. Da haben wir im Moment auch sehr, sehr viele Fälle."

Auch tagsüber zu wenige Kapazitäten

Deswegen will der Sozialverband den Menschen, die draußen übernachten müssen, wenigstens am Tag eine Möglichkeit zum Aufwärmen bieten. Aber auch da bereitet Corona den Helfern Probleme, denn die vorhandenen Räume sind angesichts der Hygienebestimmungen viel zu klein. Ute Loh kann deswegen auch in bereits angemieteten Zusatzräumen längst nicht alle aufnehmen: "Sie sehen ja, draußen ist das Schild, maximal zehn Personen, und die Kapazität ist immer ausgeschöpft." Jeden Tag in dieser Woche habe sie Leuten sagen müssen, dass sie gehen sollten, weil draußen schon die nächsten warten. Menschen, die schon die ganze Nacht draußen gewesen sind und sich aufwärmen wollen.

Die Obdachlosen wie Ziegenpeter hoffen deswegen, dass es bald wieder wärmer wird: "Wenn die Sonne scheint, ist ja alles schön. Jetzt muss man halt immer gucken, wo man bleibt."

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 11.2.2021, 6 bis 9 Uhr

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