Wasser fließt aus einem Wasserhahn in ein Glas.

Angesichts der Bilder aus den Hochwasser-Regionen mag es widersprüchlich klingen: Nach den trockenen Sommern der letzten Jahre wird Wasser knapp. Zumindest in Hessen. Trinkwasser-Versorgung und Naturschutz geraten so immer deutlicher in Konflikt. Und der Klimawandel wird das in den nächsten Jahren noch verschärfen, warnen Experten.

  • Kritik von Umweltschützern: Wasserverbrauch im Ballungsraum Rhein-Main schadet der Natur in Hessischem Ried und Vogelsberg
  • Klimawandel verschärft Wasserkonflikt
  • Frankfurts Umweltdezernentin R. Heilig: “Wasser in Frankfurt wird teurer”
  • Behörden: Grundwasservorkommen in “gutem Zustand”
  • Hoffnung auf Innovationen: Wasser aus Rhein und Main?
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Zum Artikel Zwischen Austrinken und Austrocknen – Hessens Wasser-Konflikt

Grundwasser
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Morgens aufstehen, rein ins Bad, waschen, duschen, danach in die Küche, Kaffee kochen, noch schnell eine Wäsche machen: Wasser ist selbstverständlicher Teil unseres Alltags. In Frankfurt verbraucht jede Person am Tag durchschnittlich rund 137 Liter Wasser. Wasser, das die Stadt eigentlich gar nicht hat. Oder präziser formuliert: Der Bedarf ist viel größer, als die Stadt aus eigenen Brunnen fördern kann, erklärt die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne): „Es ist schon immer so, dass sich Frankfurt eigentlich nie alleine aus den eigenen Trinkwasserquellen hat versorgen können. Und durch die Trockenheit der letzten drei Jahre rutschen wir weiter in die Krise.” Frankfurt braucht immer mehr Wasser, hat aber selbst zu wenig. Die Folge: Das Wasser muss woanders herkommen.

Steigender Wasserdurst in Frankfurt – sterbende Wälder im Hessischen Ried

Fakt ist: Frankfurt kann nur rund ein Drittel seines Wasserbedarfs selbst decken, der größte Teil kommt aus dem Hessischen Ried und aus dem Vogelsberg. Ortswechsel: ein idyllisches Plätzchen am Ortsrand von Schotten-Rainrod im Vogelsbergkreis. Ein kleiner Teich, plätscherndes Wasser, dahinter ragt eine Felswand auf, die oben von Erde und Gras bedeckt ist. Hans-Otto Wack ist Mitglied der “Schutzgemeinschaft Vogelsberg”. Der Ingenieur sorgt sich um die Wasserversorgung für die Natur. Und er ist überzeugt: Die Wasserknappheit hat zwei Ursachen - der Export des guten Grundwassers aus dem Vogelsberg in die Metropolregion Rhein-Main und die Folgen des Klimawandels: “Die Grundwasserneubildung nimmt ab und der Wasserbedarf in Rhein-Main nimmt zu. Und hier stehen klare Erwartungshaltungen, dass der ländliche Raum dieses Wasser liefern soll.”

Wack und die Schutzgemeinschaft Vogelsberg haben große Plakate anfertigen lassen: “Weniger Grundwasser nach Rhein-Main" steht darauf. Denn sie glauben, dass sich der Wasser-Konflikt zwischen dem ländlichen Vogelsbergkreis und der Metropolregion Rhein-Main mit zunehmendem Klimawandel verschärfen wird. Wenn die Sommer jetzt immer trockener werden, die Grundwasserpegel im Vogelsberg sinken und die Natur dort Gefahr läuft, zu wenig Wasser zu bekommen, dann müsse der Wasserexport nach Frankfurt – so sieht es die Schutzgemeinschaft Vogelsberg - zumindest mal deutlich reduziert werden. Das passiert aber nicht. Hans-Otto Wack meint, das liegt am Verhalten der Unternehmen, die für die Wasserversorgung verantwortlich sind: “Der eigentliche Konflikt besteht zwischen der Betriebswirtschaft, die in jedem Jahr Gewinne abführen will an die Landkreise, und den Ingenieuren und Ökologen, die nicht wissen, wie sie den Naturraum schützen sollen bei weniger Grundwasserneubildung.”

Heiko Stock, ebenfalls Mitglied in der Schutzgemeinschaft Vogelsberg, sieht das ähnlich. Stock war zwölf Jahre lang Bürgermeister in Lautertal, weiß also einiges über praktische Politik UND über das mühsame Engagement für den Naturschutz. Die Wasserversorgungsunternehmen gehören der öffentlichen Hand. Der Vogelsbergkreis ist also Miteigentümer der Oberhessischen Versorgungs AG (OVAG). Die betreibt unter anderem den Wasserexport Richtung Frankfurt. Heiko Stock sagt als Naturschützer, dieser Export muss reduziert werden. Er weiß als ehemaliger Bürgermeister aber auch das hier: “Warum setzt der Kreis nicht stärker darauf, dass die OVAG weniger Wasser liefert? Da ist die Argumentationslinie dann immer so – weil auch der Öffentliche Personennahverkehr über die OVAG abgewickelt wird. Und dann wird immer diese Rechnung ganz leicht aufgemacht: Die Wasser-Gewinne werden genommen, um den ÖPNV zu finanzieren. ” Beim Wasser geht es also auch ums Geld.

Es geht auch ums Geld

Fehlende Baumkronen im Pfungstädter Wald neben dem Wasserwerk

Rund 100 Kilometer weiter südlich steht Arnulf Rosenstock im Westwald bei Pfungstadt und zeigt auf ausgedünnte Kronen und trockene Äste. Rosenstock ist Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in der Region: “Wir sind hier beim Wasserwerk der Stadt Pfungstadt, also im sogenannten Westwald, und in diesem Wald ist eben die Koinzidenz zwischen Klimaveränderung, Grundwasserabsenkung und Waldsterben besonders augenscheinlich.” Auch Rosenstock ist sicher: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Wasserförderung und den Schäden im Wald. Eine Meinung, die vor Ort durchaus umstritten ist. Rosenstock weiß um die Kritik an seiner These. Aber er war 22 Jahre Leiter des Forstamtes in Darmstadt, er kennt die Region sehr gut und beharrt darauf: Hier, an diesem Wald-Standort, hat es nur eine gravierende Veränderung gegeben, die diese Waldschäden verursacht haben kann - die zunehmende Wasserförderung.

Förster Arnulf Rosenstock im Pfungstädter Wald

Arnulf Rosenstock ist keineswegs der Einzige, der sich Sorgen um die Wälder im Hessischen Ried macht. Und auch keineswegs der Einzige, der die Lage dort mit der Wasserentnahme in Zusammenhang bringt. Beim Bundesverband Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen schaut Geschäftsführer Thomas Norgall ebenfalls seit langem mit Sorge aufs Ried: “Zunächst mal ist das große Problem im Hessischen Ried, dass wir auf rund 10.000 Hektar einen Wald haben, der Grundwasserschäden hat, zum Großteil abstirbt.“ Selbst in Schutzgebieten gebe es die Situation, dass es keine Bäume mehr gebe, die über 100 Jahre alt sind – und es gebe keinen politischen Willen, das zu ändern. „Das ist eigentlich das größte Drama“, sagt Norgall. „Und die Leute, die in der Nähe dieser Wälder leben, die merken diesen Wechsel gar nicht, weil die sagen, irgendwas wird immer grün, es sind ja noch junge Bäume da und sie merken gar nicht, wie die Substanz eigentlich vor ihnen wegstirbt.” Für Norgall ist klar, was zu dieser Situation geführt hat: “In Hessen wurde in den 60er Jahren die Grundsatz-Entscheidung getroffen, dass die Wasserversorgung des Rhein-Main-Gebietes und auch der großen Städte in Südhessen sehr stark aus dem Hessischen Ried gefördert wird. Dann hat man angefangen mit Pumpversuchen, das Grundwasser sehr tief abgesenkt und hat dann so nach und nach gemerkt: Man hat ökologische Probleme.“ Man habe versucht nachzusteuern und sich Ende der 90er Jahre auf ein System verständigt, mit dem alle Probleme gelöst gewesen seien – „außer die des Waldes. Weil da kommen die Bäume mit ihren Wurzeln immer noch nicht ans Wasser.”

Eine Lösung: Wasser aus Rhein und Main

Frankfurt säuft die Region buchstäblich leer - die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig kennt diese Kritik aus dem Umland. Und sie will, dass Frankfurt unabhängiger vom Wasserimport aus dem Umland wird. So wie es übrigens auch das Gesetz vorschreibt. Das geht nämlich von einer Versorgung vor Ort aus. Nur wenn die nicht ausreicht, soll die Wasserversorgung mithilfe ortsferner Zulieferungen bewerkstelligt werden. Aber Heilig meint: Frankfurt kann und muss mehr tun. An erster Stelle steht für die Umweltdezernentin das Wassersparen: “Es kann nicht sein, dass ich einen Swimmingpool vollmache, nur damit ich mich ergötzen kann. Es muss in die Köpfe rein, dass dieses sehr wichtige Gut, das wir da haben und das fast umsonst aus dem Wasserhahn läuft, dass das ein sehr kostbares Gut ist.” Zumal der Preis des Wassers im Vergleich zu seiner Bedeutung viel zu niedrig sei. In Frankfurt liegt er bei 0,175 Cent pro Liter. “Das ist nicht mal ein Cent, mein Gott”, ruft die grüne Politikerin in den Raum. Entsprechend kündigt Heilig an: Der Wasserpreis in Frankfurt muss und wird steigen. Wann und wie hoch genau? Da will sich die Kommunalpolitikerin nur bedingt festlegen: “Eine hundertprozentige Prognose abgeben kann ich nicht, aber ich sag mal, in dieser Legislaturperiode - wir haben ja gerade eine neue Stadtregierung gewählt - wird es teurer.” Und das würde bedeuten: In den nächsten fünf Jahren.

Ein weiterer Punkt auf Heiligs Maßnahmenliste: Wo möglich, soll Trinkwasser durch nicht ganz so sauberes Brauchwasser ersetzt werden. Zum Beispiel, um Gärten oder auch Parks zu bewässern. Also will Heilig, dass in Neubaugebieten künftig immer neben der Trinkwasser-Leitung auch eine zweite Brauchwasser-Leitung verlegt wird. Das allerdings hätte Folgen auch für künftige Hausbesitzer beziehungsweise Mieter. Die Preise für Immobilien würden wohl steigen: “Ja, das wird auf den Baupreis umgelegt werden, ist doch vollkommen klar. Das wird in die Bauordnung reingeschrieben und dann wird das vorgeschrieben, auch für die Investoren.” Ein weiterer Punkt sind technische Innovationen: Der Main soll helfen. Schon heute wird Wasser aus dem Main in den Stadtwald gepumpt, dort lässt man es versickern. “Infiltration” lautet das Stichwort. Als Folge steigen die Grundwasserspiegel wieder an, so dass wieder mehr Wasser-Reserven zur Trinkwasserversorgung zur Verfügung stehen. Eher zurückhaltend sieht Heilig eine weitere Idee. Nämlich Mainwasser direkt in Trinkwasser umzuwandeln. Befürworter sagen, technisch sei das möglich. Heilig will aber erst Forschungsergebnisse abwarten: “Die Frage, ob man aus Mainwasser oder aus dem Rheinwasser wirklich eine Trinkwasserqualität herstellen kann – diese Frage ist noch nicht geklärt.” Ein entsprechendes Projekt laufe bei Gernsheim.

Aber bei der Zielsetzung gibt sie sich entschlossen: “Die Lösung kann eigentlich nur sein, dass wir es schaffen, dass der Vogelsberg uns kein Wasser mehr liefern muss.“ Rosemarie Heilig hat also ehrgeizige Pläne. Jetzt muss sie Mehrheiten und Geld finden, um sie umzusetzen. Immerhin: Im gerade beschlossenen Koalitionsvertrag der neuen Frankfurter Regierungsmehrheit bekommen die Pläne der Umweltdezernentin zumindest Rückenwind.

Kritik von Umweltschützern: Behörden vernachlässigen Naturschutz

Aber es gibt noch weitere wichtige “Player”, wenn es um die Wasserversorgung und die Konflikte in Hessen geht. Da sind zum einen die Behörden, die – so schreibt es das Wasserhaushaltsgesetz vor – sowohl die Versorgung der Bevölkerung wie die Belange des Naturschutzes berücksichtigen müssen. Zum Beispiel, wenn es um die Genehmigungen von Wasserförderungen geht. Im Falle der Wasserversorgung des Ballungsraumes Rhein- Main sind das die Regierungspräsidien Darmstadt und Gießen. Was zunächst auffällt: Wie lange die einmal erteilten Genehmigungen zur Wasserentnahme gelten. Teilweise bis in die 40er Jahre dieses Jahrhunderts, eine endet erst im Jahr 2051, einzelne gelten sogar unbefristet.

Beide Regierungspräsidien verweisen aber auch darauf, dass Genehmigungen zur Wasserentnahme, zumindest ab einer gewissen Menge, verknüpft sind mit Prüfungen auf Umweltschäden, Überwachungsprogrammen und möglichen Beschränkungen. So teilt das Regierungspräsidium Gießen mit, dass im Zuge der vergangenen trocknen und heißen Jahre die Vogelsberger OVAG die bestehenden Wasserrechte nicht habe ausschöpfen können. In der Folge hätten die Wasserabgaben an die Endverbraucher inzwischen reduziert werden müssen. Beide Regierungspräsidien schreiben auf hr-Anfrage aber auch, dass in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich “alle Grundwasserkörper in einem guten mengenmäßigen Zustand” seien. Also alles im Griff? Arnulf Rosenstock von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sieht die Rolle der Kontrollbehörden deutlich kritischer: Die gesetzlichen Vorgaben seien gut, meint Rosenstock, aber die Behörden würden die Vorgaben nur unzureichend umsetzen: “Das heißt, sie kümmern sich um die Versorgung mit Trinkwasser. Aber die Verbesserung der Landvegetation, die nach Paragraf 6 des Wasserhaushaltsgesetzes ebenfalls Gegenstand des Schutzes ist, der wird vernachlässigt.”

“Wir machen den Regen nach”

Und da sind schließlich noch die Wasserversorger selbst, wie zum Beispiel das Unternehmen Hessenwasser. Die Hessenwasser-Zentrale liegt am Rande von Groß-Gerau im Hessischen Ried. Hessenwasser ist dafür zuständig, mehr als 2,2 Millionen Menschen im Rhein-Main-Gebiet verlässlich mit einwandfreiem Trinkwasser zu versorgen. Geschäftsführerin Elisabeth Jreisat versichert, dass der Naturschutz auch ihrem Unternehmen am Herzen liegt: “Wir sind da an sich gar nicht auseinander, die Naturschützer und die Wasserversorger. Und unser gemeinsames Ziel ist am Ende des Tages eine intakte Umwelt, weil wir die alle benötigen.” Hessenwasser ist kein privates Unternehmen. Die Eigentümer sind letztlich die Kommunen Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und der Landkreis Groß-Gerau. Und die wollen vor allem eines: sichere Wasserversorgung.

Die großen Herausforderungen für Hessenwasser beschreibt Elisabeth Jreisat so: “Das Bevölkerungswachstum, das wir bei Hessenwasser schon seit 2015 sehen, definitiv, und dann natürlich jetzt die drei heißen und trockenen Jahre, die wir als ganz klare Klima-Signale werten.” Das erste Gutachten zu den Auswirkungen des Klimawandels hat Hessenwasser schon 2006 in Auftrag gegeben. Eine zweite, neue Studie kommt wahrscheinlich im Oktober. Klar ist aber: Der Wasser-Gesamtbedarf lässt sich noch einigermaßen gut berechnen. Schwieriger wird es, wenn es darum geht, den sprunghaft erhöhten Wasserverbrauch an extrem heißen und trockenen Tagen zu bedienen. Und solche Tage gibt es immer öfter. 110 Millionen Kubikmeter Wasser liefert das Unternehmen pro Jahr. Der Löwenanteil stammt aus Grundwasser. Aber auch bei Hessenwasser setzt man längst auf das Wasser aus Rhein und Main, mit dem man die Grundwasser-Reservoire auffüllt, wie Elisabeth Jreisat erklärt: “Wir machen sozusagen den Regen nach. Dadurch sind wir relativ unabhängig von der Regen-Menge und der Grundwasser-Neubildung. Und vor dem Hintergrund können wir sagen, dass wir derzeit für unser Versorgungsgebiet, für unsere versorgten Kommunen relativ gut dastehen.”

Der Verteilungskampf ums Wasser hat begonnen

Die Wasserversorgung ist also gesichert. Aber die Beispiele Vogelsberg und Hessisches Ried zeigen: Angesichts sinkender Grundwasserspiegel besteht nicht nur die Gefahr, dass das immer häufiger nur zu Lasten der Natur gelingt. Wo Wasser immer knapper wird, sieht man den steigenden Durst in Frankfurt und der Metropolregion immer kritischer. Zumal der Klimawandel den Konflikt mutmaßlich weiter verschärft. Extreme Wetterlagen, Starkregen, Hitzeperioden nehmen zu. Starkregen fließt schnell ab, dringt nicht tief in den Boden ein, Hitzeperioden sorgen für Austrocknung, die Grundwasserneubildung geht in vielen Regionen zurück. Das heißt: Das prinzipiell wasserreiche Deutschland - auch Hessen, auch die Metropolregion Rhein-Main – kann nicht einfach erwarten, dass sauberes, preiswertes Trinkwasser immer in ausreichender Menge kommt, nur weil wir den Hahn aufdrehen. Der Verteilungskampf ums kostbare Gut Wasser hat begonnen - auch in Hessen.

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