Hochwasser in Schuld

Die Bilder der Hochwasserkatastrophe werden uns so schnell nicht aus dem Kopf gehen. Alarmiert hat die Tragödie auch die Wissenschaft. Wie sehr waren die reißenden Fluten dem Klimawandel geschuldet? Dieser Frage ist das Forscher-Kollektiv „World Weather Attribution“ nachgegangen.

Vom 12. bis 15. Juli 2021 kam es in Teilen Westeuropas zu extremen Regenfällen. So fielen etwa im Gebiet der deutschen Flüsse Ahr und Erft an einem einzigen Tag im Durchschnitt mehr als 90 Liter Regen pro Quadratmeter. Das ist deutlich mehr als jemals seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gemessen wurde. "Und hier stellen wir die sogenannte Zuschreibungsfrage, wie stark der Klimawandel dieses Ereignis intensiver oder wahrscheinlicher gemacht hat", sagt Klimaforscherin Lisa Thalheimer von der University of Oxford.

Sie ist eine der 39 Autorinnen und Autoren der World-Weather-Attribution-Studie. Aus solchen Attributionsstudien lässt sich abschätzen, inwiefern der vom Menschen verursachte Klimawandel dafür verantwortlich ist, dass bestimmte Extreme auftreten. Wetterbeobachtungen, in diesem Fall Regenmengen, werden statistisch ausgewertet und in Bezug zu Klimasimulationen gebracht. 

Zunahme-Wahrscheinlichkeit von Klimaereignissen hat sich erhöht

"Wenn wir schauen, was der Klimawandel verändert hat, dann müssen wir sagen, dass der Klimawandel, wenn wir den vorindustriellen Zustand - etwa 1850 bis 1900 - vergleichen zu jetzt, hat der Klimawandel so ein Ereignis mit einem Faktor zwischen 1,2 und 9 erhöht", hebt Frank Kreienkamp die Kernaussage der Studie hervor. Kreienkamp leitet in Potsdam das Regionale Klimabüro des Deutschen Wetterdienstes und hat die Studie maßgeblich mitverantwortet.

Die große Bandbreite der Zunahme-Wahrscheinlichkeit erkläre sich über Unterschiede in den verschiedenen Klimasimulationen. Und die seien auch für den Schwankungsrahmen der zweiten Kernaussage verantwortlich: "Der Klimawandel hat nicht nur die Eintrittswahrscheinlichkeit, sondern auch die Intensität erhöht. Nämlich in einem Rahmen von 3 bis 19 Prozent. Das ist einfach zu erklären: Wenn die Atmosphäre wärmer wird, kann sie mehr Wasser speichern, und wenn das irgendwo rausregnet, wird es mehr regnen."

Derartiges Niederschlagsereignis normalerweise alle 400 Jahre

Zu ihren Ergebnissen kamen die Wissenschaftler, indem sie ihren Blick über Ahr und Erft hinaus weiteten und verschiedene Regionen zwischen den Niederlanden und den Alpen untersuchten. Was sie dabei herausfanden, führte zu einer weiteren Kernaussage: "Wenn wir uns jetzt eine dieser Regionen angucken, dann haben wir ausgerechnet, dass unter den aktuellen klimatischen Bedingungen so ein Niederschlagsereignis etwa alle 400 Jahre auftritt. Weil dieses Ereignis aber auch in einer Nachbarregion mit derselben Wahrscheinlichkeit auftreten kann, ist damit klar, dass solche Ereignisse in der westeuropäischen Großregion deutlich häufiger als einmal in 400 Jahren auftreten können" - auch wenn die Studie auf nur wenige Vergleichsdaten zurückgreifen konnte, die älter sind als 90 Jahre, und auch wenn sie aus Zeitgründen nicht von unabhängigen Fachgutachtern überprüft werden konnte

Eindeutiger Trend

Trotz dieser Umstände zeigt die Studie als schnelle wissenschaftliche Erstanalyse einen Trend auf, so Mitautor Enno Nilsson von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz: "Das Konkrete, was ich daraus ablesen würde, ist, dass die Richtung eindeutig ist. Es steht überall ein Plus."

Die Studie der „World Weather Attribution“ liefert Input für Hochwasserrisikokarten oder für die angewandte Hochwasservorsorge. Und sie untermauert das Fazit des aktuellen Berichts des Weltklimarats. Nämlich dass der vom Menschen verursachte Klimawandel die Hauptursache ist für mehr extreme Wetterereignisse. Auch bei uns. 

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