Brandenburger Tor und gestrichelte Linie für Grenze zwischen Ost und West

Abgeordnete aus West und Ost sitzen nebeneinander im Bundestag. Wir fragen nach, wie sie aufs wiedervereinigte Deutschland blicken: Was trennt uns, was eint uns?

Der Stand der deutschen Einheit ist für Bundestagsabgeordnete ein großes "Aber"-Thema. Heißt: Fast jede Einschätzung ist mit einem "Aber" hintendran verbunden. Zum Beispiel beim SPD-Abgeordneten Karl-Heinz Brunner, geboren in München, der ein sehr positives Fazit der Entwicklung seit der Wende zieht. Die blühenden Landschaften, von denen manche gesprochen hätten, seien zwar nicht überall vorhanden, aber es sprieße in diesem Land. "Und wir sind mehr zusammengewachsen als manche in unterschiedlichen Regionen glauben", sagt er.

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Objektive und mentale Probleme

Sehr problematisch seien aber u.a. die Unterschiede bei den Löhnen, sagt Brunner. Da seien die Ostdeutschen sozusagen Bürger zweiter Klasse. Auch Christian Hirte, gebürtiger Thüringer, CDU-Abgeordneter und Ostbeauftragter der Bundesregierung, klingt grundsätzlich sehr erfreut. Er glaubt, man könne mit großem Stolz und Selbstbewusstsein auf das zurückblicken, was in den letzten 30 Jahren in den neuen Bundesländern passiert sei. Und dann kommt das "Aber": "Bei allen positiven Entwicklungen gibt es auch ein paar Themen, die uns nach wie vor umtreiben: objektive wie mentale", so Hirte.

Als objektive Problemthemen sieht er zum Beispiel die Schwäche der ostdeutschen Wirtschaft. Das ist eine unstrittige Einschätzung. Aber wenn es an die mentalen Themen geht, wird die Debatte komplizierter und kontroverser. Denn dann geht es um Kopfsachen und eventuell auch nur gefühlte Probleme.

"Mannigfaltige kulturelle Unterschiede"

"Auch in Bayern ist es so, dass in Ostbayern die Löhne etwas niedriger sind, aber die Menschen in Ostbayern nach meiner Wahrnehmung deshalb nicht unglücklicher sind", sagt der CSU-Politiker Andreas Lenz. Was zu Ende gedacht heißt: Die Ossis jammern halt einfach mehr. Was dann Mentalitätsunterschiede wären. Solche Mentalitäts-Unterschiede sieht der SPD-Abgeordnete Karl-Heinz Brunner grundsätzlich nicht zwischen Ost und West. "Maximal vielleicht der Unterschied, dass der eine Broiler sagt und der andere Brathähnchen. Oder dass man von Brötchen oder Schrippe spricht", sagt Brunner. Er glaubt, dass das die einzigen Unterschiede sind.

Der Fraktionsmanager der SPD, Carsten Schneider, geboren in Erfurt, sieht dagegen mannigfaltige kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West. Und die würden nicht unbedingt kleiner. Er habe den Eindruck, dass sich viele auch wieder vergraben würden, gerade nach den starken AfD-Ergebnissen im Osten. Dass vor allem viele im Westen sagen würden: "Um Gottes Willen, was wollen wir mit denen zu tun haben? Jetzt wählen die auch noch die AfD, die sind ganz irre!"

Ein Demokratieproblem?

Auf die starken Wahlergebnisse der AfD in den ostdeutschen Bundesländern kommt auch Roman Müller-Böhm von der FDP schnell zu sprechen. Der jüngste Bundestagsabgeordnete ist erst 26, wurde also erst nach der Wende in Essen geboren. Es sei ja nicht so, dass in Westdeutschland keiner AfD wählen würde – nur seien da andere Stimmenanteile zu verbuchen.

"Ich habe das Gefühl, wenn ich mir die Debatten in meinen Freundeskreisen angucke, gibt’s da teilweise Leute, die sagen, sie haben irgendwie Verständnis dafür. Aber niemand würde ernsthaft in Betracht ziehen, die AfD zu wählen", so Müller-Böhm. Er glaubt, dass es in Ostdeutschland noch eine Generation mehr Zeit brauche, bis die Demokratie dort wirklich Einzug halte.

"Mehr miteinander reden"

Die AfD als Ost-Problem – solche Aussagen mag die Chefin der Linkspartei Katja Kipping, geboren in Dresden, gar nicht. "Das ist natürlich total bequem, weil man hat das lokal eingegrenzt, der Rassismus hat eine Adresse", sagt sie. Und dann könne man es immer darauf abschieben, als ob das noch etwas von früher sei.

Kipping sieht ein großes Missverstehen zwischen West und Ost. Aber es werde besser, meint sie. "Ich sehe, dass inzwischen die bisherige Arroganz, das Besserwissen, einem gewissen Interesse am Osten weicht. Das ist eine positive Entwicklung", sagt sie. Wie kann man die weiter befördern? SPD-Mann Carsten Schneider gibt diesen Rat: "Weniger Vorurteile, mehr miteinander reden."

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Die Einheit in Zahlen

Von Angela Tesch

2018 erreicht die Wirtschaftskraft im Osten 75 Prozent des Westniveaus. Zum Vergleich: 1990 waren es 43 Prozent. Arbeitslos waren im vergangenen Jahr knapp sieben Prozent der Ostdeutschen und knapp fünf Prozent der Westdeutschen. Die Wirtschaft brummt, es werden Fachkräfte gesucht. Das sah in den 1990er Jahren ganz anders aus: Die Abwicklung vieler Betriebe im Osten hatte die Arbeitslosigkeit stetig steigen lassen, bis auf über 17 Prozent im Osten. Im Westen lag die Quote zwischen acht und neun Prozent.

"Zur Situation in Ostdeutschland gehört, dass wir strukturell ländlicher aufgestellt sind, dass uns aber auch die ganz großen Unternehmen fehlen, mit ihren Konzernzentralen.", sagt Christian Hirte, Ostbeauftragter der CDU. Fehlende Jobs und die schlechtere Bezahlung führten dazu, dass viele Auszubildende, Berufsanfänger und Erwerbstätige ihrer ostdeutschen Heimat den Rücken kehrten. Das waren zwischen 1991 und 2006 knapp eine Million Menschen. Erst 2015 konnte der Trend gestoppt werden.

Über die Hälfte der Ostdeutschen fühlt sich als Bürger zweiter Klasse. Nur ein reichliches Drittel hält die Wiedervereinigung für gelungen. Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, sieht wirtschaftliche Gründe für die Unzufriedenheit: Löhne und Renten müssten endlich Westniveau erreichen.

Außerdem müssten die Menschen wieder enger zusammenrücken: "Besuche organisieren, Menschen reden lassen. Es geht darum, den Osten transparenter zu machen und rüberzubringen, dass wir hier ebenfalls ein Stück Deutschland waren. Wir wollten die deutsche Einheit. Wir sind mit wehenden Fahnen da reinmarschiert."

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Sendung: hr-iNFO Aktuell, 02.10.2019, 6-9 Uhr

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