Populismus Symbolbild

Dafür, dass Populisten in den sozialen Medien erfolgreich sind, gibt es viele Beispiele. Der Politikberater Erik Flügge demontierte kürzlich einen solchen Post und ging viral. Wir haben mit ihm über populistische Strategien gesprochen.

Matthias Matussek, von der AfD gefeierter Journalist, veröffentlichte vergangene Woche einen Facebook-Post, in dem er die Rente einer Friseurin, die 40 Jahre gearbeitet hat, mit der finanziellen Unterstützung für eine zehnköpfigen Familie aus Syrien vergleicht. Der Beitrag wurde 1.300 Mal geteilt.

Der Politikberater Erik Flügge nahm den Post Matusseks zum Anlass, die Strategie von Populisten zu demonstrieren und erzielte damit, ebenfalls auf Facebook, sogar eine noch größere Reichweite.

Leid wird ausgenutzt

Flügge erklärt unter anderem, dass Matussek in seinem Post Äpfel mit Birnen vergleiche: Die Rente einer einzelnen Person könne man nicht mit der Sozialhilfe einer zehnköpfigen Familie vergleichen. Er zeigte auch, dass der syrischen Familie pro Kopf weniger bliebe als der Friseurin, wenn man das Einkommen pro Kopf herunterrechne.

Facebook-Post von Erik Flügge

Der Populist wolle Wut erzeugen, ohne eine Lösung anzubieten, erklärt Flügge. Er nutze die schwierige Situation der Friseurin also am Ende nur für seine Zwecke aus, ohne sich für sie einzusetzen und verdiene obendrein noch daran. Flügges Aufklärer-Post ging viral und wurde über 40.000 Mal geteilt. Und Matussek löschte seinen Post am Ende wieder.  

Flügge: "Wut schüren, ohne Lösungen anzubieten"

Wir haben mit Erik Flügge gesprochen und wollten von ihm genauer wissen: Warum scheinen Populisten gerade in den sozialen Medien so erfolgreich zu sein? Mit welchen Strategien arbeiten sie?

hr-iNFO: Populisten gab es schon lange, bevor es das Internet  gab. Was hat sich in Zeiten sozialer Medien geändert?

Flügge: Ja, Populismus gibt es schon immer. Was sich geändert hat - und das ist besonders – ist, dass durch das Aufkommen von sozialen Netzwerken alle Menschen die Möglichkeit haben, sich selber unkontrolliert zu publizieren. Also es gibt keine Redaktion mehr, die entscheidet, ist eine Information richtig oder falsch? Ist sie durch Fakten hinterlegt oder nicht? Sondern ich kann sie einfach selber veröffentlichen auf meinen eigenen Kanälen. Und sie kann dann Reichweite bekommen.

Diese Reichweite entsteht am leichtesten durch Empörung. Wenn Leute wütend sind, dann teilen Sie Dinge besonders stark. Und dementsprechend haben gerade solche reißerischen Botschaften, die Leute wütend machen, egal, ob sie richtig oder wirklich falsch sind, die größten Reichweiten in unserer heutigen Medienwelt. Und das ist neu und anders.

hr-iNFO: Wie erklären Sie sich, dass Menschen das einfach so glauben, ohne es zu verifizieren?

Flügge: Grundsätzlich ist es immer so, dass Leute Dinge, die sie geschrieben und veröffentlicht sehen, tendenziell eher glauben als ihnen zu misstrauen. Misstrauen braucht eine hohe Übung, dass sie also immer kritisch Dinge hinterfragen. Und das ist eine ganz besondere Perspektive, die viele Leute nicht einnehmen, sondern sie vertrauen anderen Leuten.

Das hat damit zu tun, dass Kommunikation generell auf einem grundlegenden Vertrauen zueinander basiert, das ist schon seit vielen Jahrzehnten gut beforscht. Die bekannteste Theorie dazu stammt von einem Herr Grice, der festgestellt hat, dass jede Kommunikation Kooperation zur Grundlage hat – weil Sie ja gar nicht so präzise formulieren können -  egal was sie sagen wollen -  dass, wenn der andere nicht willens ist, sie positiv zu verstehen, diese Botschaft verarbeiten kann.

hr-iNFO:  Warum sind Populisten denn online so erfolgreich und warum haben es gemäßigte Stimmen so schwer?

Flügge: Alle Positionen und Meinungen, die es nicht in normale Medien schaffen, bekommen besonders hohe Reichweite in Social Media Kommunikation. Das liegt daran, dass Leute, die das sehen, das Gefühl haben, das ist ja nirgendwo anders und das erreicht sonst niemand, deswegen müssen wir es besonders stark teilen und weiter verbreiten. Jetzt gibt es besondere Fälle, bei denen ein Thema zum Beispiel in Redaktionen nicht für wichtig genommen wird oder bei denen man das Gefühl hat, das interessiert niemanden. Und dann gibt's alle Eisenbahnfreunde, die sagen: 'Oh, das Thema ist aber so wichtig!' und dann teilen die irgendeine Eisenbahnen-Information massiv weiter, weil sie sonst nirgendwo stattfindet.

Diesen Mechanismus nutzen Populistinnen und Populisten aktiv aus und formulieren Position, die sonst nirgendwo stattfinden. Und sie finden deswegen nicht statt, weil sie häufig genug nicht stimmen oder auf falschen Fakten basieren. Die gemäßigten Stimmen verbreiten immer Informationen, die sie auch in den Leitartikeln großer Zeitungen lesen können und dann ist der Grund nicht mehr so groß, das weiter teilen zu müssen und dementsprechend die Reichweite in Social Media geringer, weil die Nutzerinnen und Nutzer denken: 'Naja, hat schon die Süddeutsche Zeitung geschrieben, da muss ich das ja jetzt nicht noch weiter verbreiten.'

hr-iNFO: Wie gehen Populisten vor, was ist ihre grundsätzliche Taktik?

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„Wenn Menschen wütend gemacht werden und man ihn keine Lösung anbietet, dann teilen sie besonders stark Informationen weiter.“ Zitat von Erik Flügge
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Flügge: Die grundsätzliche Taktik ist immer so, dass sie Wut schüren müssen  als Populist – also die suchen sich etwas, worüber man sich ärgern kann. Und das Wichtigste dabei ist, keine Lösung anzubieten. Weil wenn Menschen wütend gemacht werden und man ihnen keine Lösung anbietet, dann teilen sie besonders stark Informationen weiter. Dann kommen sie nämlich in den Modus des Schimpfens, der sich aus dem Gefühl der Machtlosigkeit ergibt: Ich sehe eine Ungerechtigkeit, etwas, was mich wirklich ärgert und empört, aber ich weiß nicht, wie man es lösen kann.

Also sage ich es anderen weiter, dass die sich auch empören in der Hoffnung, dass dann was passiert oder irgendjemand eine Lösung anbietet. Und das machen Rechtspopulisten zum Teil auf der Basis von wahren Problemen: dass sie also sagen, hier gibt es ein Problem, aber eben nicht verraten, wie sie es lösen würden - die haben häufig auch gar keine Lösung. Und zum Teil eben auch auf der Basis von erfundenen Problemen.

hr-iNFO: Erklären Sie sich den Erfolg etwa der AfD durch ihre Aktivitäten im Internet oder kommen da auch andere Faktoren hinzu?

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„Das Dankbarste, was Rechtspopulisten finden können, ist, wenn sie eine Falschinformation aufbereiten, sie im Internet massiv teilen lassen und jetzt plötzlich alle Medien beginnen, darüber zu berichten.“ Zitat von Erik Flügge
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Flügge: Der Erfolg der AfD basiert zu einem guten Teil auf ihrem Erfolg im Internet. Aber der Erfolg im Internet alleine würden nicht ausreichend für eine rechtspopulistische Partei. Die Rechtspopulisten brauchen Folgendes: Sie brauchen den Erfolg im Netz, um darüber Berichterstattung in anderen Medien auszulösen.

Das Dankbarste, was Rechtspopulisten finden können, ist, wenn sie eine Falschinformation aufbereiten, sie im Internet massiv teilen lassen und jetzt plötzlich alle Medien beginnen, darüber zu berichten oder sie deshalb sogar in eine Talkshow eingeladen werden. Und dann schaffen sie es nämlich auch in die Mitte der Gesellschaft hineinzuwirken, weil sie jetzt im Fernsehen laufen.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 4.10.2019, 12-15 Uhr

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