Direkt nach dem Krieg wurden Menschen, die nicht in ihr altes Zuhause zurückkehren konnten in Lagern, Hotels oder alten Krankenhäusern untergebracht. Den Verwaltungsbegriff dafür prägten die Amerikaner: "Displaced Persons". Viele Bewohner waren Juden. Das letzte Lager wurde 1957 geschlossen.

Von Christiane Kreiner

Frankfurt. Zeilsheim 1945. Die amerikanische Militärregierung hat die Baracken eines Zwangsarbeiterlagers der IG-Farben zu einem Lager für "Displaced Persons" umfunktioniert. Weitere 200 Häuser einer angrenzenden genossenschaftlichen Arbeitersiedlung wurden beschlagnahmt, die Bewohner mussten ausziehen. Für mehr als 3.000 Überlebende des Holocausts wurde das DP-Camp Zeilsheim von 1945 bis 1948 ein provisorisches Zuhause. Der Journalist Jim Tobias hat die Geschichte des Lagers in Zeilsheim aufgearbeitet: "Die jüdischen DPs haben auf Grund ihres besonders schwierigen Verfolgungsschicksals das Privileg gehabt, sich selber verwalten zu dürfen, eine Autonomie, wie eine Stadt in der Stadt."

Auf gepackten Koffern sitzen

Der deutschen Polizei war es untersagt, das Lager zu betreten. Lebensmittel lieferten die Vereinten Nationen, aus den Vereinigten Staaten kamen weitere Hilfslieferungen von einer großen jüdischen Wohlfahrtsorganisation names "Joint". Im Lager blieb man unter sich. Es war eine eigene jüdische Welt. Die Beziehungen zu den Deutschen waren schwer belastet. Wenn es Begegnungen gab, stand immer eine Frage im Raum. Was hat der andere die letzten Jahre gemacht? Jedes jüdische DP-Lager, auch das in Zeilsheim war ein Wartesaal, sinnbildlich saß man auf gepackten Koffern, wartete auf die Genehmigung, nach Palästina oder Übersee zu ziehen.

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Mehr zum Thema

Jim G. Tobias : "Zeilsheim: Eine jüdische Stadt in Frankfurt"
Antogo Verlag, Nürnberg 2011 (mit DVD)
ISBN: 978-3938286425

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Die Kranken durften nicht ausreisen

Erst als im Mai 1948 der Staat Israel gegründet wurde, kam für viele jüdische "Displaced Persons" die ersehnte Ausreise. Endlich konnten sie Deutschland verlassen. Die meisten DP-Lager werden aufgelöst, auch das Lager in Zeilsheim. Doch nicht alle jüdischen DP’s konnten ausreisen, die sogannten "hardcore cases" - wie Jim Tobias sie nennt – brachte man nach Föhrenwald in Bayern. Es waren Menschen, die psychisch oder körperlich nicht in der Lage waren auszuwandern - oder denen wegen einer Krankheit die Einreise verweigert wurde. Föhrenwald existierte bis 1957 - nach dessen Auflösung wurden die restlichen Bewohner auf jüdische Gemeinden in der Bundesrepublik verteilt - in München, Frankfurt oder Düsseldorf

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FAQ zu DP-Lagern in Deutschland

Woher kamen die Menschen?

  • aus aufgelösten Konzentrationslagern
  • aus Verstecken in den Wäldern, z.T. Partisanenkämpfer
  • als Vertriebene aus den Ostgebieten


Wie viele Lager gab es?
Es gab mehr als 200 Lager in Deutschland. Zunächst wurden die Menschen nach Nationalität eingeteilt. Einige Lager wurden bald als rein jüdische Lager eingerichtet, damit Juden nicht in die Zwangslage gerieten mit ihren "Peinigern" zusammen zu wohnen - zum Beispiel in Frankfurt Zeilsheim und in Föhrenwald.

Gekommen, um zu bleiben?
Die DP-Lager waren eigentlich als Übergangslösung gedacht. Fast alle Juden ersuchten um eine Ausreise. Die Genehmigungsverfahren zogen sich aber über Jahre hin, viele Anträge wurden abgelehnt, da die Einwanderungspolitik in den USA, Großbritannien und Kanada sehr streng war. Menschen mit Krankheiten oder Verdacht auf Krankheiten und alte Menschen erhielten keine Ausreisebewilligung. Die Lager waren deshalb zunächst ihre einzige Perspektive.

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DP-Lager

Ein eigener Kosmos

Majer Szanckower ist in Föhrenwald aufgewachsen. Mit zeitweise fast 6000 Bewohnern war es eines der größten DP-Lager in Deutschland - von den Alliierten eingerichtet in einem ehemaligen Zwangsarbeiterlager der Nazis. Jüdisches Leben im Lager Föhrenwald hieß zunächst auch: keine Arbeit, kein Auskommen, immer wieder Warten auf den Bescheid zur Ausreise. An Care Pakete erinnert sich Majer, es gab die berühmte Schokolade für die Kinder. Eine neue Welt auch für seine Eltern. Sie waren Analphabeten, hatten wegen Verfolgung und Krieg weder Schule noch Ausbildung erlebt, sie kannten nur das Leben auf der Flucht. Wie auch in Zeilsheim wurde das Lager in Föhrenwald zum eigenen Kosmos, mit Selbstverwaltung, eigener Polizei, Friseur, Gaststätte, Versammlungsplatz.

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Zwischen Schweigen und neuem Lebensmut

Majer erlebt eine Kindheit zwischen Schweigen und neuem Lebensmut. Die Hoffnung der Familie Szanckower auszuwandern, erfüllt sich nicht - die Mutter ist krank. Die jüdischen Freunde und Nachbarn durften gehen, Föhrenwald leerte sich. Die Familie Szanckower kann das Lager erst nach seiner Schließung 1957 verlassen - da ist Majer neun Jahre alt. Die Familie soll im nahen München eine Wohnung beziehen, will aber lieber in die jüdische Gemeinde nach Frankfurt.

In Frankfurt gibt es Ende der 50er Jahre nur eine kleine jüdische Gemeinde. Um 1925 waren es mal 30.000 Menschen, jetzt sind es weniger als 2.000.
Heute verwaltet Majer Szanckower die jüdischen Friedhöfe in Frankfurt. Seine Eltern und sein Bruder sind hier begraben. Er selbst hat sich in Frankfurt sein Leben aufbauen können, mit Frau und zwei Kindern. Der Sohn lebt heute in Berlin, die Tochter in Israel, sie hat die Ausreise schließlich verwirklicht. Föhrenwald ist nur noch Erinnerung. Aus dem DP-Lager wurde eine Wohnsiedlung mit einer kleinen Gedenkstätte.

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