Marianne Leuzinger-Bohleber vor dem Sigmund-Freud-Institut
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Der Begriff Trauma umschreibt etwas Unerträgliches, sagt die Trauma-Forscherin Marianne Leuzinger-Bohleber. Im Gespräch erzählt sie von ihrer Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen und wie sie ihnen helfen kann.

hr-iNFO: Sie arbeiten beim Pilotprojekt Step-by-Step in der Erstaufnahmeeinrichtung "Michaelisdorf" in Darmstadt. Dort versuchen Sie traumatisierten Asylsuchenden frühe Hilfe zu garantieren und gegebenenfalls spätere Therapien zu planen. Wie sieht Ihre Arbeit aus?

Leuzinger-Bohleber: Als gut ausgebildete Psychotherapeutin ist es wichtig, zuerst mal einen Raum zu schaffen, einen empathischen, menschlich gestalteten Raum, wo die Traumatisierten sich ausdrücken können. Oft können sie das sprachlich zuerst gar nicht fassen, sondern es ist ein "erstarrt-Sein". Sie haben keine Gefühle mehr, sie sind in einer inneren Leere. Und dann, wenn es irgendwie möglich ist, versucht man, ihnen Bilder oder Sprache zur Verfügung zu stellen. Man kann das über Kunst machen - manche Kunsttherapeuten arbeiten mit Traumatisierten. Als Psychoanalytiker versucht man, seine eigene Reaktion auf diese furchtbaren Erfahrungen zuerst mal bei sich zuzulassen und zu spüren. Und dann vermittelt man seinem Gegenüber das "Wie" und sucht gemeinsam Bilder.

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Wenn man dann so jemanden vor sich hat, der überhaupt nicht reden kann und sich dann irgendwann der Affekt Damm bricht – Panik, Angst, Verzweiflung oder Wut - wir haben gelernt, dass wir versuchen, das auszuhalten. Weil wir wissen, dass wenn akut traumatisierte Menschen überhaupt wieder Zugang zu ihren Gefühlen kriegen, das keine schönen Gefühle sind. Die haben Panik, Todesangst, Verzweiflung, extreme Wut, manchmal sogar Hass auf die Folterer und die Verfolger. Aber wenn sie diese Gefühle überhaupt wieder spüren oder ausdrücken können, dann ist die Wahrscheinlichkeit ein bisschen weniger groß, dass diese Erfahrung dauerhaft zu psychosomatischen Störungen führt. Das heißt noch nicht, dass diese Menschen geheilt sind, aber es ist der erste Schritte in der akuten Situation.

Weinen tut gut

hr-iNFO: Sie arbeiten als Psychotherapeutin mit vielen Menschen, die geflohen sind aus Afrika, Syrien, asiatischen Ländern. Teilen Sie eine Therapieerfahrung mit uns?

Leuzinger-Bohleber: Mir war eine Frau aufgefallen, weil sie sich komplett zurückgezogen hatte und nicht mehr gegessen hat, nicht schlafen konnte, furchtbare Albträume hat. Als die Frau vor mir sitzt, sehe ich, dass ihr Gesicht komplett erstarrt. Sie hatte einen starren Blick, keine Mimik, wirkt völlig bleich – eben wie in einem Schockzustand. Ich reagiere darauf und natürlich lässt es sie nicht kalt, wenn man versucht zu verstehen. Es gibt eine lange Pause und ich sage, dass ich vermute, dass sie furchtbare Sachen erlebt hat. Und dann sehe ich, dass plötzlich Tränen über diesem erstarrten Gesicht runterlaufen.

Dann greift die Frau in die Handtasche und holt die Handy raus - und zeigt mir das Bild einer wunderschönen jungen Frau und sagt unter Tränen, dass es ihre Tochter sei und dass die Taliban sie aus dem Gymnasium rausgeholt und ermordet haben. Und sie habe sich nicht von ihr verabschieden können. Dann fängt sie an fürchterlich zu weinen. Unter Schluchzen erzählte sie mir, dass sie sich für Frauenrechte in Afghanistan eingesetzt hat und die Taliban sie deswegen bedroht haben. Und gerade ihre Tochter habe sie ermuntert weiterzumachen, etwas für sie und die Frauen in Afghanistan zu tun. Und dann seien die Drohungen gekommen und die Taliban hätten ihre Tochter umgebracht. Und dann brach die Frau im therapeutischen Gespräch zusammen.

Zitat
„"Sie haben mein Herz zum Schmelzen gebracht."“ Zitat von Eine Patientin von Marianne Leuzinger-Bohleber
Zitat Ende

Leuzinger-Bohleber: Ich versuche dann, diese Menschen zu halten, lasse sie weinen. Sie spürt, dass es langfristig gut tut, wenn sie weinen kann und nicht einfach so erstarrt ist. Ich sage dann so etwas wie: Machen Sie sich keine Vorwürfe, und vielleicht hatte ihre Tochter doch recht, dass Sie Ihren Mut bewahren sollen. Es ist furchtbar, dass sie mit ihrem Leben dafür zahlen musste. Und das werden Sie nicht vergessen, aber Sie sind nicht schuld daran. Und dann kommt es noch einmal zu einem langen Weinen und am Schluss sagt die Frau: "Sie haben mein Herz zum Schmelzen gebracht." Und sie kommt dann nach einer Woche in einem viel besseren Zustand. Sie hat natürlich weiterhin Albträume, aber sie hat wieder angefangen zu essen, und sie entdeckte das therapeutische Schreiben. Sie fing an, ihre Geschichte aufzuschreiben und sie sagt: "Es ist für meine Enkelin, es ist für die Frauen in Afghanistan und auch für meine Tochter."

hr-iNFO: Wie erleben die Menschen die Situation hier in Deutschland?

Leuzinger-Bohleber: Die Menschen, die hier sind, die haben schon unglaublich viel auf sich genommen. Und wenn die dann mitkriegen, dass man eigentlich am liebsten alle Fremden, alle Flüchtlinge wieder raus hätte und sie verantwortlich macht für alle ungelösten Probleme, die wir haben in der Gesellschaft, das ist für traumatisierte Menschen furchtbar.

Weitere Informationen

Das Gespräch führte Regina Oehler. In voller Länge können Sie es im Podcast der Sendung (s.o.) nachhören.

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Sendung: hr-iNFO, 21.10.2018, 7.30 Uhr

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