Kernfusion

Deutschland ist aus der Atomkraft ausgestiegen. Kurzfristig wird das die Energieversorgung nicht in Gefahr bringen. Doch auf lange Sicht wird das Land bei steigendem Energiebedarf mehr brauchen. Könnte die Kernfusion der Schlüssel sein? In Hessen wird daran schon geforscht.

Auch in Hessen tut sich viel beim Thema Kernfusion. Zum Beispiel bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung – kurz GSI – in Darmstadt. In den riesigen Hallen wird versucht, Atomkerne miteinander zu verschmelzen. Um eine Kernfusion zu erzeugen. Genau das passiert, stark vereinfacht gesagt, auch in der Sonne. Markus Roth ist Professor für Laser- und Plasmaphysik an der TU Darmstadt und erklärt: "Bei der Kernfusion nehme ich sehr leichte Atomkerne, in unserem Fall Wasserstoff. Und die verschmelze ich zu einem neuen Element, in unserem Fall Helium zusammen. Und dabei wird große Menge an Energie freigesetzt.“

Die Kernfusion ist vielversprechend für die Energieversorgung

Markus Roth ist sozusagen "Mr. Kernfusion“ und in der ganzen Welt unterwegs und bekannt. Er ist seit Jahrzehnten dabei und das mit Leidenschaft und das merkt man bei seinen Erklärungen sofort: "Ein Gramm Wasserstoff ersetzt elf Tonnen Steinkohle. Das ist eine riesige Menge, wenn man sich das überlegt. Und es wäre die Möglichkeit, mit einer Ressource, die überall verfügbar ist, zuverlässig, sauber und ständig verfügbar Energie bereitzustellen. Deswegen ist die Kernfusion so vielversprechend für die Energieversorgung in der Zukunft.“ Doch ist das die Lösung für all unsere Energieprobleme? "Ja", sagt Markus Roth. Der nicht nur ordentlicher Professor ist, sondern auch Gründer des Start-Ups Focused Energy. In 15 Jahren will er ein Demonstrations-Kraftwerk am Netz haben.

Viele Start-ups haben viele verschiedene Ansätze

In der Community der "Fusionistas“ gibt es aktuell einen gesunden Wettstreit. Welcher Ansatz wird am Ende die Nase vorn haben? Markus Roth, seine Partner bei Focused Energy und die Forschenden bei der GSI glauben an ihren Weg: die Kernfusion mit Lasern. So ist es auch vorigen Dezember in Kalifornien gelungen, erstmals mehr Energie zu gewinnen, als reingesteckt wurde.

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„Die Industrie hat eine höhere Möglichkeit, Risiken einzugehen und hat eine andere Kapazität, um auch höhere Investitionsvolumen reinzuholen.“ Milena Roveda, Vorstand beim zweiten hessischen Start-up "Gauss Fusion“ Milena Roveda, Vorstand beim zweiten hessischen Start-up "Gauss Fusion“
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Anders sieht es aus beim klassischen Ansatz, der Magnetfusion. An ihr wird schon viel länger geforscht. Die Technologie sei weiter und damit Erfolg versprechender, sagt Milena Roveda, Vorstand beim zweiten hessischen Start-up "Gauss Fusion“ in Hanau. 2045 wollen sie das erste kommerzielle Fusionskraftwerk am Netz haben – so die Vision. Ähnlich sieht es beim US-Unternehmen Bruker aus. Hier stellen sie supraleitenden Draht her, wie man ihn für die Magnete in MRTs in Krankenhäusern braucht, aber eben auch für Magnetfusion nutzen kann. Und so entstand Gauss Fusion, aus der Industrie heraus. Darauf legt Milena Roveda Wert: "Die Industrie hat eine höhere Möglichkeit, Risiken einzugehen und hat eine andere Kapazität, um auch höhere Investitionsvolumen reinzuholen. Und in der Industrie hat man einen anderen Takt als in den Forschungsinstituten.“

Ist all das vielleicht aber nur ein Irrweg?

Ob Laser oder Magnet, Forschung oder Industrie: Werner Neumann hält das alles für einen Irrweg. Der promovierte Physiker kämpft beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen gegen jede Form von Atomenergie – ob aus Kernspaltung oder Kernfusion: "Bei der Kernfusion kann man noch sehr, sehr lange warten, bis so was funktioniert. Und wenn, hat man wieder eine große zentralistische Struktur, braucht riesige Stromleitungen durchs ganze Land. Das kann man viel einfacher machen. Dezentraler mit Windenergie und Sonnenenergie. Vor 40 Jahren war das noch nicht der Fall. Aber heute haben wir Windenergie und Sonnenenergie und können uns komplett daraus versorgen.“

Es braucht verlässliche Energie in großen Mengen

Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen? Das wird nicht reichen, da sind sich die Start-up-Unternehmer und Fusions-Forscher einig. Es brauche verlässliche Energie in großen Mengen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Für die sogenannte "Grundlast“, sagt Milena Roveda von Gauss. Solar und Wind seien super, aber nicht grundlastfähig. Und das sei es, was wir zukünftig brauchen werden.  

Von einer Quelle, die die Grundlast in unserem Strommix sichert, sind wir aber noch weit entfernt. 20, 30, vielleicht 40 Jahre? Das kann niemand mit Gewissheit sagen. Aber sicher ist: es tut sich etwas. Und gleich zwei Start-ups aus Hessen mischen kräftig mit.

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