Dieter Bachmann in seiner Klasse

Schlafende Schüler im Unterricht? Für Dieter Bachmann völlig okay. Gerade kommt ein Film über ihn und seine Klasse in die Kinos - weil er ein bisschen anders ist als andere Lehrer. Im Interview spricht der Pädagoge aus Stadtallendorf über seinen Beruf, seine Kindheit und das, was Kinder am meisten brauchen.

Eine Schulklasse in Stadtallendorf, die erste Stunde beginnt. Auf Unterricht scheint hier aber noch keiner richtig Lust zu haben, ausgenommen vom Lehrer vielleicht. Der steht vorne, Wollmütze auf dem Kopf, Dreitagebart. Statt durchzugreifen, schlägt er seinen Schüler:innen vor, den Kopf nochmal auf den Tisch zu legen und ein bisschen zu dösen. Kein Scherz.

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Dieter Bachmann
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Der Lehrer heißt Herr Bachmann und gerade kommt ein Film über ihn und seine sechste Klasse in die Kinos. Weil er ein bisschen anders ist als andere Lehrer, ein „schräger Vogel“, wie er selbst sagt. Einer, bei dem die Schüler rausgehen und kicken können, wenn sie mal „keinen Bock mehr haben“, der Liebeslieder mit seinen Schülerinnen komponiert und ihnen eine Liege baut, auf der sie schlafen können. „Hassan war montags immer schrecklich müde", erzählt Bachmann. "Dann haben wir halt so eine Liege gebaut und da hat er auch schon mal fünf Stunden geschlafen. Wir waren ja zehn Stunden zusammen in der Ganztagsschule, dann habe ich ihn halt in der siebten Stunde mit Mathe belästigt.“

Mehr vermitteln als auf dem Lehrplan steht

Ein halbes Jahr haben die Filmemacher Herrn Bachmann und seine Klasse in der Phase vor dem Übergang in eine höhere Schule begleitet. Dreieinhalb Stunden Film sind dabei herausgekommen - über einen Lehrer, der seiner Klasse mehr vermitteln will als das, was auf dem Lehrplan steht. Und über Schüler:innen, die aus zwölf Nationen kommen, unterschiedliche Religionen haben und nicht unbedingt in eine rosige Zukunft blicken. Der Film hat Jury und Publikum bei der Berlinale begeistert.

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Dass er so ist wie er ist, hat auch mit seiner Kindheit zu tun, glaubt Dieter Bachmann. „Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man so als Schlüsselkind nach Hause kommt. Niemand ist da.“ Seine Eltern haben viel gearbeitet und viel getrunken, sagt er. „Aber ich habe das Ganze gut überstanden, weil ich die meiste Zeit auf der Straße war. Und das war damals mein Zuhause.“ Er habe Fußball mit Freunden gespielt, Quatsch gemacht, seine Heimatstadt Rottweil am Neckar sei sein Abenteuerspielplatz gewesen. „Und ja, ich glaube, das hat mir den Arsch gerettet, dieses Leben auf der Straße.“

Erfahrungen aus eigener Kindheit helfen

Es hilft ihm auch, seine Schülerinnen und Schüler zu verstehen. „Ganz am Anfang saßen wir alle mal so müde rum“, sagt er. „Und dann fragte ich einfach mal, wer denn heute Morgen schon mit jemandem geredet hat.“ Von 19 Kindern seien es zwei gewesen: „Der eine mit der Oma, die andere mit der Mutter.“ Seitdem gab es morgens einen Stuhlkreis, in dem die Schülerinnen und Schüler erzählten, wie sie die Nacht verbracht und was sie geträumt hatten, ob sie gefrühstückt oder sich eine Schachtel Zigaretten gekauft hatten. „Das hat mich an meine Kindheit erinnert, da war morgens auch niemand."

Wenn seine eigenen Erfahrungen nicht helfen, ist es manchmal Intuition - oder gesunder Menschenverstand -, mit der er Probleme löst. Schülerinnen und Schüler, die kein Deutsch sprechen, besuchen normalerweise erst mal die Sprachlernklasse, erzählt Bachmann, „da sitzen 20 Kinder, die kommen alle aus verschiedenen Ländern, und es werden über 20 Sprachen gesprochen, nur kein Deutsch.“ Ein guter Ansatz irgendwie, dachte er sich, aber es geht auch besser. „Und da habe ich diese Kinder ziemlich schnell aus der Sprachlernklasse rausgeholt und dann geschah das Wunder: Die haben Deutsch gelernt, weil sie miteinander kommuniziert haben, weil sie miteinander gesungen haben, weil sie es ganz wichtig fanden, sich mitzuteilen, sich verständlich zu machen.“

"Das Wichtigste ist Nestwärme"

Das Wichtigste, das er seinen Schüler:innen mit auf den Weg gegeben hat, sei aber etwas anderes, sagt Dieter Bachmann: „Die brauchen Nestwärme. Einfach Wärme. Das schafft Vertrauen.“ Die Schulen sollten also nicht nur ihren Bildungsauftrag ernst nehmen, sondern einen Lebensraum schaffen, in dem die Kinder offen und ehrlich reden könnten, meint Bachmann. „Ich glaube, das muss man als Schule fördern.“

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Das Interview führte Juliane Orth

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