Übertriebene Schönheitsideale Wie ein junge Darmstädterin den Optimierungswahn überwand

Fitter, trainierter, schöner sein: Viele Teenager folgen Fitnessinfluencern auf Social-Media-Plattformen. Übertriebene Schönheitsideale können allerdings gravierende Folgen haben. Eine Darmstädter Studentin berichtet.

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Wenn sich Xenia Schütze in ihrer Darmstädter WG-Küche einen Kaffee macht, zelebriert sie das inzwischen richtig. Mit einer Siebträgermaschine und einem kleinem Milchschäumer. Früher war das anders: Im Alter von 16 Jahren war Schütze in eine Sportsucht gerutscht, auch ihr Essverhalten war gestört. Jeder Schluck und jeder Bissen waren damals kalkuliert.

"Cappuccino war auch so eine Sache, den habe ich nicht getrunken. Zu viele Kalorien von der Milch. Dann lieber schwarz", sagt die heute 23-Jährige. Sie hatte sich als Jugendliche an einer Fitnessinfluencerin orientiert. "Ich fand ihren Körper toll und wollte aussehen wie sie", so Schütze. Das hieß: trainieren und abnehmen.

Wenn bewusste Ernährung in Optimierungswahn kippt

Xenia Schütze
Xenia Schütze hat ihre Sportsucht und ihre Essstörung überwunden. Bild © Lisa Brockschmidt

Für ihr Ziel distanzierte sich Schütze als Jugendliche von ihrem sozialen Umfeld. Sie trainierte jeden Tag, zählte Kalorien und sammelte Schritte. Sie wurde immer dünner. Ihre Periode blieb aus und einmal fiel sie sogar in Ohnmacht. Die Unzufriedenheit mit dem Körper blieb dennoch: "Ich habe eine Veränderung gesehen und fand die auch gut. Aber ich war nie so zufrieden, dass ich dachte: Jetzt habe ich den Körper, den ich wollte." Wenn sie Fotos von früher sehe, sei das "krass". "Ich war extrem dünn", sagt sie.

So wie Schütze geht es vielen Teenagern. Nach einer DAK-Studie ist die Zahl der Essstörungen bei Mädchen im vergangenen Jahr sogar noch stark gestiegen: Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit nahmen Essstörungen - wie Anorexie und Bulimie - demnach bei 15-17-Jährigen um 57 Prozent zu. 

Psychologe: Wem folgt mein Patient eigentlich?

Solche Erkrankungen und das Gefühl nicht gut genug zu sein, sind in der Psychotherapie nicht neu. Nach Meinung von Experten können falsche Vorbilder in den sozialen Netzwerken Minderwertigkeitsgefühle bei jungen Menschen noch verstärken. "Der Einfluss sozialer Netzwerke ist spürbar", sagt etwa der Frankfurter Psychotherapeut Serkan Het.

"Die Symptome werden vorgestellt und dann zeigt sich im Laufe der Therapie, dass Social Media doch auch eine Rolle gespielt hat." Es entstehen mitunter bei jungen Patientinnen und Patienten verzerrte Bilder im Kopf, wie sie aussehen und sein sollen. "Man sollte sich mal die Zeit dafür nehmen und schauen: Wem folgt mein Patient eigentlich?", so Het.

Hochschule Darmstadt befasst sich mit Instagram und Co.

Das bestätigt auch Katrin Döveling von der Hochschule Darmstadt. Auch abseits von Diätwahn und Kalorienzählen, sei das Druckgefühl etwas ändern zu müssen auf Plattformen wie Instagram allgegenwärtig, sagt sie. Die Wissenschaftlerin forscht zu den Auswirkungen von Social Media auf unsere Emotionen: "Das Prinzip, dass wir gefallen wollen, ist nicht neu. Neu sind die unrealistischen Bilder, denen wir permanent ausgesetzt sind." Viele junge Frauen hätten verlernt, sich so anzunehmen wie sie sind.

Um einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen, legen sich auch immer mehr jüngere Menschen unters Messer. Über zehn Prozent der Menschen unter 30 gaben in einer Befragung der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische und Plastische Chirurgie (DGÄPC) an, dass Social Media diesen Wunsch nach Veränderung bei ihnen verstärkt hat. 

Essen ohne Verbote

Der 23 Jahre alten Schütze gelang es, aus dem Optimierungskreislauf auszusteigen und ihr Leben wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Sie mistete ihren Instagram-Feed radikal aus. Sie entschied sich dafür, wieder eine gesunde Beziehung zu ihrem Körper und zum Sport aufzubauen. Ihr Weg war eine "All in Recovery" mit radikaler Sportpause.

Schütze begann auch wieder alles zu essen, worauf sie Lust hat. Leicht fiel ihr das allerdings nicht: "Man hört ja von überall: Es ist nicht gut, Süßes zu essen und keinen Sport zu machen." Sie habe sich aber das Mindset gesetzt: "Ich ziehe das durch."

Für die 23-Jährige hat sich das rückblickend gelohnt: Schütze bekam ihre Periode wieder. Sie geht nun mit Freundinnen essen und versucht, auf ihren Social-Media-Kanälen eine gesunde Balance zu vermitteln. Für sie heißt das: ausgewogen essen und vor allem ohne Verbote.

Weitere Informationen

 Sendung: hr-iNFO Aktuell, 22.9.2023, 6 bis 9 Uhr

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Quelle: hessenschau.de/Susanne Mayer