Ansicht Bad König vom Rathaus aus

Schlechte Busverbindungen, kaum Freizeitangebot: Das Leben auf dem Land ist für Jugendliche oft nicht attraktiv. Dass es auch anders geht, beweisen die Macherinnen und Macher des Festivals "Sound of the forest" im Odenwald.

Am Bahnhof befindet sich eine Kneipe mit dem Namen "das Bierbrünnchen", in den Metzgereien gibt es Reh und Wildschein aus regionaler Jagd, der Dönerladen befindet sich in einem Fachwerkhaus und in einem Aushang bietet der Boule-Verein Trainingsstunden an. Das Rathaus in Bad König ist sehr malerisch, der historische Lustgarten dahinter ist noch malerischer. In einer Seitenstraße sitzen zwei junge Mädchen auf einem Mäuerchen, die Schulranzen liegen auf dem Boden und zusammen schauen sie Videos auf dem Handy.

Kebaphaus in Bad König

Zwei Kilometer weiter raus aus dem Zentrum von Bad König bekommt man schon einen etwas anderen Eindruck. Hier in einer ehemaligen Ölmühle hat Peripherique Events sein Büro, in dem das Odenwälder Festival "Sound of the forest" organisiert wird. Hier sieht es nach Start-up aus: kreatives Chaos, bunt und hip – nur mit dem Unterschied, dass man draußen die Kühe muhen hört. Und immer mal wieder ein Grüppchen von Senioren im umliegenden Wald zum Wandern verschwindet.

Fritz Krings, Geschäftsführer von Peripherique Events, wollte eigentlich raus aus dem Odenwald. Er ist hier klassisch aufgewachsen und fand es perspektivlos. Zum Studieren zog er nach Mannheim und als er dann im Musikgeschäft tätig wurde, ging er nach Berlin. "Wenn man Äpfel verkaufen will, muss man halt auf den Marktplatz und nicht in der Seitengasse verkaufen. Was das Musikbusiness angeht, war der Odenwald für uns eher eine Seitengasse", erzählt Krings.

"Abseits von Kaugummi-Automaten aufbrechen ist hier früher nicht viel passiert"

Fritz Krings (l.) und Johannes Megow

Gleichzeitig war ihm klar, dass er perspektivisch in den Odenwald zurückkehren wollte. Also brachte er kurzerhand den Marktplatz in den Odenwald: Er setzte zusammen mit anderen im Sommer 2009 das erste Festival am Marbachstausee um. Hippe Bands wie Bilderbuch, AnnenMayKantereit, Blumentopf oder Clueso sind nur einige bekannte Namen im mittlerweile elfjährigen Programm. Die Produkte, die dort angeboten werden, sind alle regional – das ist Teil des Konzepts.

Der Verein, der das Festival ausrichtet, wurde dieses Jahr mit dem zweiten Platz des Hessischen Demografie-Preises ausgezeichnet. Johannes Megow, der Marketing und PR bei Peripherique Events macht, wollte früher auch immer weg aus dem Odenwald. "Abseits von an der Bushaltestelle rauchen oder Kaugummi-Automaten aufbrechen, ist hier früher nicht viel passiert", erzählt er. Doch mit dem Festival sei der Wunsch, in eine größere Stadt zu ziehen, verschwunden. "Wir haben aus der Perspektivlosigkeit das Gegenteil geschaffen", sagt er.

Kulturelles Angebot für Jugendliche "eine Katastrophe"

v.l.n.r.: Luca Lieber, Marie Kumpf, Ben Engelter

Der 15-jährige Ben Engelter hat dieses Jahr in der Planung des Nachwuchsprojekts des Büros mitgearbeitet. "Summer Beats Odenwald" ist ein Festival für Schülerinnen und Schüler, bei dem Jugendliche die Möglichkeit haben, im Bereich Event reinzuschnuppern. Von Vorschlägen für DJs und Bands über Dekoration bis hin zum Vorverkauf. Engelter hat zusammen mit seinem Freund, dem 16-jährigen Luca Lieber, fotografiert und Videos produziert. "Mir ist wichtig, dass wir als Jugendliche etwas zu tun haben. Gerade mit Corona ist es auch ein bisschen schwieriger als sonst mit Veranstaltungen, Treffen oder mit Freunden mal feiern gehen", erzählt Engelter.

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Marie Kumpf bekräftigt das. Sie ist Auszubildende bei Peripherique Events. "Das kulturelle Angebot für Jugendliche im Odenwald ist eine Katastrophe. Wir wollen Leute animieren und Kultur schaffen. Hier soll was passieren", sagt sie. Die 22-Jährige ist sehr mit dem Odenwald verbunden. In ihrem Dorf leben nur 134 Leute. Der letzte Bus fährt um vier, Handyempfang gibt es keinen. Sie war immer darauf angewiesen, dass ihre Eltern sie auf Partys oder in die Stadt fahren. "Für uns ist das normal, weil wir damit aufgewachsen sind", sagt sie.

Überschaubares Job-Angebot

Hof Verein "Sound of the forest"

Sie hat nach der Schule ein Jahr lang in Auckland in Neuseeland gelebt. Das sei zwar cool gewesen, weil das kulturelle Angebot so groß ist, aber nach dem Jahr sei sie froh gewesen, wieder zurück im Odenwald zu sein. Und selbst wenn sie für ein Studium nochmal woanders hingehen sollte, sieht sie sich langfristig im Odenwald. Spätestens dann, wenn sie Familie gründen will. Sie hat in Neuseeland als Aupair gearbeitet. "Auf zwei kleine Kinder in der Großstadt aufzupassen – das ist kein Spaß!"

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Andererseits sei es eben auf dem Land auch schwierig mit Job-Angeboten in einem etwas ausgefallenerem Bereich. "Ich hatte Glück, dass ich im Bereich Eventmanagement hier etwas gefunden habe. Aber die großen und namenhaften Firmen, wo man auch wirklich Aufstiegschancen hat, wenn man karriereorientiert ist, die gibt es halt hier nicht", sagt die junge Frau. Es käme eben stark auf die persönlichen Ziele an.

Engelter und Lieber wissen noch nicht, was sie nach der Schule machen wollen. Der 16-jährige Lieber könnte es sich ganz gut vorstellen, im Odenwald zu bleiben. Er ist leidenschaftlicher Mountainbiker. Und braucht er mal ein bisschen Abwechslung, fährt er einfach in die nächstgelegene größere Stadt wie Frankfurt oder Darmstadt. Dass er dafür anderthalb Stunden fahren muss, macht ihm nicht so viel aus.

"Zu wenige Treffpunkte für Jugendliche"

Hermannstempel

Engelter ist zwar auch Mountainbiker, ihm reicht das aber nicht. Er möchte nach der Schule zwar erstmal im Odenwald bleiben, aber langfristig zieht es ihn woanders hin. Außer seiner Familie und seinen Freunden "hält mich hier nichts", sagt er. Es fehle hier sehr stark an Orten, wo sich die Jugendlichen treffen können. Der einzige Club, den es hier gibt, das Unterholz in Michelstadt, hat seit Corona geschlossen. Und ob er danach wieder aufmachen wird, ist noch unklar. Also treffen sich die jungen Menschen eben am Hermannstempel. Das ist eine Anhöhe, von der man auf Michelstadt gucken kann, mit einer Überdachung. Dort bringen die Jugendlichen Musik und Alkohol selber mit.

"Ich denke, es ist besser, Plätze zu schaffen, wo es Regeln gibt. Als wenn es einfach keine Möglichkeiten gibt und man sich dann notgedrungen irgendwo treffen muss, ohne Regeln", sagt Engelter. Es gibt zwar Jugendzentren. Aber dadurch, dass die von den Kirchen organisiert sind, werden sie von vielen Jugendlichen nicht wirklich angenommen. "Ich persönlich würde nicht hingehen. Es ist einfach uncool", erklärt Kumpf. "Wir haben halt keinen Platz, wo wir hinkönnen. Und irgendwo müssen wir hin. Wir können ja nicht den ganzen Tag im Wohnzimmer sitzen und nichts machen", sagt Lieber.

"Die Jugendlichen gehen nicht mit fliegenden Fahnen"

Innenhof Rathaus Bad König

Es gibt im Odenwald zwar Vereine, aber die hätten kein attraktives Angebot für ihre Altersgruppe. "Man möchte mit 16 nicht mit den Eltern in einer Theatergruppe sein", sagt Kumpf. Dabei würden die Vereine händeringend nach Nachwuchs suchen. Gleichzeitig habe man es als Jugendlicher im Odenwald schwer, sagt die junge Frau. "Der Odenwald ist einfach eine sehr konservative Region, in der man mit Ideen, die anders oder bisschen provokanter sind, auch sehr aneckt", sagt Kumpf.

Frank Tillmann, wissenschaftlicher Referent am Deutschen Jugendinstitut in Halle (Saale), kann das bestätigen. Er hat eine bundesweite Studie über Landflucht von Jugendlichen mitpubliziert. Starre Werte und Abstriche in der Freizeitgestaltung würden die meisten Jugendlichen aus ländlichen Räumen bemängeln. Auch eine ungenügende digitale Infrastruktur oder ein mangelndes politisches Mitspracherecht kritisieren die Jugendlichen in der Studie.

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Doch der Hauptgrund für den Wegzug der Jugendlichen seien die Job-Perspektiven und weiterführende Bildungsangebote. "Gleichzeitig identifizieren sich die meisten Jugendlichen sehr mit der Region, in der sie leben. Die gehen nicht mit fliegenden Fahnen weg", erklärt Tillmann. Die Politik könnte in vielen Bereichen helfen. Zum Beispiel Teilhabe für Jugendliche ermöglichen oder ein besseres Angebot von Aktivitäten fördern. Es kann aber auch mit Selbstinitiative vonseiten Jugendlicher funktionieren – doch dafür braucht es einen langen Atem.

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