Ensemble von Fachwerkhäusern am Markt in Homberg/Efze

Leere Schaufenster, abgeklebte Scheiben, heruntergelassene Gitter: Der klassische Einzelhandel kommt in Zeiten des Onlineshoppings an seine Grenzen. Deshalb müssen sich die Kommunen Gedanken machen, wie sie ihre Ortskerne vital halten können. In Homberg/Efze im Schwalm-Eder-Kreis wird das gerade versucht.

Der Marktplatz von Homberg an einem sonnig-kalten Nachmittag – es ist kaum etwas los. Die wunderschönen historischen Fachwerkhäuser rundherum stehen weitgehend leer, einige sind saniert. Bürgermeister Nico Ritz will etwas gegen den Leerstand tun. Er sagt, frühere Entscheidungen waren ein Fehler, zum Beispiel Supermärkte an den Stadtrand zu verlegen. "Das ändert sich jetzt ab Dezember, weil eine funktionierende Innenstadt auch einen funktionierenden Handel braucht. Und der braucht eben die Hochfrequenzgeschäfte - und das ist nun mal der Lebensmitteleinzelhandel", sagt Ritz.

Bürgermeister von Homberg/Efze: Dr. Nico Ritz (parteilos)

Aber Handel allein wird es nicht richten, da ist sich der Bürgermeister sicher. Die Altstadt  muss anders belebt werden, indem hier wieder mehr gelebt wird. Denn es gibt in Homberg eine große Nachfrage nach Wohnraum. Und warum auf der grünen Wiese bauen, wenn es Leerstand in der Innenstadt gibt? Der muss allerdings auch bewohnbar sein. Deshalb hat die Stadt mehrere Häuser gekauft, saniert und umgebaut. Auch eine ehemalige Scheune, die lange leer stand. Das historische Gebäude hat einen preisgekrönten Anbau bekommen und beherbergt jetzt eine Kita.

Angebote in Pantoffeldistanz

Am Markt von Homberg/Efze: In diesem Fachwerkhaus soll ein Coworking-Space entstehen

"Heute werden hier bis zu 80 Kinder betreut und wir sind fest überzeugt, dass es der erste wesentliche Baustein hin zu einer Funktionsveränderung in der Altstadt geworden ist. Weil auch hier ein wichtiger täglicher Bedarf, nämlich die Kinderbetreuung, unmittelbar vor Ort und für alle, die hier wohnen, fußläufig erreichbar ist", sagt der Bürgermeister.

Gleich um die Ecke wird dort, wo früher ein Supermarkt war, ein Multifunktionshaus mit Musikschule und Familienzentrum gebaut. Über drei Millionen Euro wird das kosten, der Bund trägt den Großteil. Direkt am Marktplatz entsteht in einem noch leer stehenden Fachwerkhaus ein Coworking-Space – für den Summer of Pioneers.

Dafür kommen zwanzig Städter, die digital und damit ortsunabhängig arbeiten, ab dem Frühjahr nach Homberg. Hier wollen sie das Leben im ländlichen Raum testen und sollen im Gegenzug der Kommune neue Ideen bringen, unter anderem wie hier digital gearbeitet werden kann. Und sie sollen die Altstadt weiter beleben. 

Projektleiter Jonathan Linker stellt sich den Marktplatz als eine Art Campus vor: "Der Charme soll der sein, dass man von seinen  Wohnungen – die auch um den Marktplatz herum angeordnet sein sollen – und den Immobilien für das Coworking in Pantoffeldistanz die Angebote hat und darüber eine gewisse Frequenz über den Marktplatz wiederherstellt", so der Projektleiter.

Geduld und Beharrlichkeit

Von den vielen Ideen für eine vitale Altstadt sind allerdings nicht alle Homberger überzeugt. Allein schon wegen der Kosten für Ankäufe und Sanierungen. Das kritisiert auch Martin Bickel, der in fünfter Generation ein Modegeschäft betreibt. Das historische Gebäude in der Nähe des Marktplatzes hat er aufwendig renoviert. Eine Fehlinvestition, wie er heute meint. "Die Stadt muss sich einen Kurs überlegen: Wo wollen wir überhaupt hin? Wollen wir den Handel stärken? Oder wollen wir eine Wohnstadt machen? Dann geht das. Aber es wird eben weder das eine noch das andere richtig probiert. Das ist in meinen Augen nicht förderlich für eine Stadt", sagt Bickel.

Martin Bickel wünscht sich zum Beispiel Parkplätze im Zentrum. Die Fußgängerzone habe die Kundschaft abgeschreckt. Deshalb hat er im Moment viel Zeit, seiner Leidenschaft nachzugehen: Nämlich in seinem Geschäft Klavier zu spielen. Ein kleiner Trost.

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Aber wenn der Plan des Bürgermeisters aufgeht, wäre auch den Händlern geholfen. Dabei weiß auch der Bürgermeister, dass es Zeit braucht, bis er wirkt: "Das baukulturelle Erbe ist nicht nur schön, sondern sehr schön. Und wichtig ist, es jetzt mit neuen Nutzungen und Funktionen zu versehen. Und wenn wir hier geduldig aber auch beharrlich bleiben, dann wird uns das gelingen. Da bin ich guter Dinge."

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