Fußball und Flaggen in Katar (dpa)

Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagte Adorno einst. Übertragen auf die Fußball-WM heißt das: kein Fußballfest in einem Land wie Katar. Ein Blick in die Straßen von Doha zeigt aber: Vielleicht wird es doch eins. Und das sollte möglich sein, meint unser Autor. Ohne schlechtes Gewissen.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Theodor Adorno hat das vor mehr als 70 Jahren festgestellt. Und immer wieder gab es Zeiten, in denen der berühmteste Satz des deutschen Philosophen und Anhängers der kritischen Theorie herausgekramt wurde, wenn es darum ging, das Leben in Schwarz und Weiß aufzuteilen, wenn man für oder gegen etwas sein musste.

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Und wahrscheinlich sind die meisten Berichterstatter aus Europa mit genau dieser Haltung nach Katar gekommen. Es kann keine richtige WM im falschen Land geben - eine Feststellung ohne Zwischentöne, entweder für den wahren Fußball oder für die Ware Fußball. Jetzt, nach den ersten Tagen in einem immer noch fremden, irgendwie auch lebensfeindlichen Land, beginnen die Grenzen allerdings aufzuweichen, weil es so viele Menschen aus aller Welt gibt, die sich mit unverhohlener Vorfreude auf den manchmal sehr beschwerlichen Weg zu dieser Weltmeisterschaft gemacht haben.

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Die schönen Seiten ohne schlechtes Gewissen zulassen

Fußballfans aus Argentinien, aus Brasilien, Mexiko oder Tunesien, die die sogenannte Altstadt, den Souq von Doha, mit Gesängen und guter Laune geflutet haben. Und es gibt in Katar auch die Gastarbeiter beispielsweise aus dem Libanon im DFB-Trikot, die deutsche Mannschaftsaufstellungen aus vergangenen Zeiten auswendig hersagen können. Und es gibt die Messi-Fans aus Bangladesch, deren größte Hoffnung die Vollendung der einzigartigen Karriere von La Pulga, dem Floh, aus Rosario wäre.

Diese Liste ließe sich noch lange weiterführen, und jedes Mal pumpt sich das große, über die Jahre konditionierte Aber zwischen unseren Ohren auf und drängt reflexartig nach draußen, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf: dass es hier in Katar vielleicht doch ein Fußballfest wird. Vielleicht wäre das ein Kompromiss. Diese Weltmeisterschaft steigt ohne Zweifel im falschen Land, zum falschen Zeitpunkt. Aber es muss trotzdem möglich sein, die schönen Seiten einer WM ohne schlechtes Gewissen zuzulassen und darüber zu sprechen. Auch wenn Adorno das sicherlich nicht gewollt hätte.

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Der Kommentar spiegelt die Meinung des Autors und nicht die der Redaktion wider.

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