Tinder-App auf einem Smartphone (picture alliance / ROBIN UTRECHT)

Das Prinzip von Tinder kennt inzwischen fast jeder. Wer einem nicht zusagt, wird nach links gewischt, wer Interesse weckt, kommt nach rechts. Seit zehn Jahren gibt es die Dating-App jetzt schon. Hat das unser Dating-Verhalten verändert?

Wer kennt nicht das Prinzip von Tinder: Wer einem nicht zusagt, der wird nach links gewischt. Wer Interesse weckt, der kommt nach rechts. Zeigt die andere Person auch Interesse, kommt es zu einem Match. Seit zehn Jahren suchen Menschen so schon die große Liebe im Netz. Mit Erfolg, wie Heiko Schneider weiß. Er hat sich die App vor vier Jahren heruntergeladen.

Nicht nur für die große Liebe

"Ein Freund von mir hat gesagt: 'Na probier's doch mal mit Tinder. Ich bin da auch und habe da schon ein paar Frauen kennengelernt.' Und dann habe ich mich von ihm quasi überzeugen lassen und habe es eben auch ausprobiert und war dann relativ schnell angefixt." Heiko ist ein guter Kollege aus dem hr-iNFO-Team und arbeitet für hr-iNFO als Korrespondent aus Hanau. Obwohl er ganz angefixt war von Tinder, hatte er die App gerade einmal zwei Monate auf dem Handy gehabt, dann hat er sie aber schnell wieder gelöscht: "Weil ich dann letzten Endes die große Liebe gefunden habe. Jetzt sind wir mittlerweile seit knapp vier Jahren zusammen, und da war natürlich kein Bedarf mehr für Tinder."

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10 Jahre Tinder: Wir hat uns die App verändert und wie daten wir in Zukunft?

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Heiko weiß aber auch, dass Tinder nicht nur für die große Liebe genutzt wird. Tinder bekam schnell den Ruf, eine App für die leichte Nummer zu sein oder gar zum Fremdgehen. "Also wenn man das Ziel hat, fremdgehen zu wollen, dann denke ich, ist es eine gute Möglichkeit. Liebe kann man bestimmt auch finden, aber ich glaube, das ist eher sehr selten der Fall", sagt ein Nutzer. Und eine Nutzerin meint, man wisse bei jedem Date, "dass man in der Hinterhand die App hat und sich jederzeit mit 100 anderen treffen kann."

Tinder gibt "ein Gefühl von Sicherheit"

Trotzdem hätten die Macher von Tinder, darunter Sean Rad, der sie entwickelt hat, alles richtig gemacht, sagt Eric Hegmann. Er ist Paartherapeut und Coach für Singles und sagt, die Macher von Tinder hätten den Menschen etwas gegeben, was kein Online-Dating-Anbieter zuvor geschafft habe: "Sie haben dem Online-Dating das Gefühl von Sicherheit ein Stück weit durch dieses Wischen gegeben. Dadurch, dass beide nach rechts wischen müssen und sozusagen schon sagen müssen 'Wir haben Interesse aneinander', ist diese Furcht davor, einen Korb zu erhalten, erst einmal deutlich gesunken."

Mit Tinder kamen auch Phänomene, die das Dating herausgefordert haben – Ghosting etwa, das radikale Abbrechen des vorherigen Kontaktes ohne Erklärung. Oder Benching, also jemanden auf die lange Bank schieben. Mittlerweile gibt es ein ganzes ABC für diese Dating-Strategien. Hat Tinder uns letztendlich oberflächlicher gemacht? Nein, sagt Paarcoach Eric Hegmann. "Wenn wir genau hingucken, stellen wir fest: Diese Strategien gab es schon vor 30, 40 Jahren. Warum die jetzt heute wieder thematisiert werden, hat sehr viel mit Internetjournalismus und dem sogenannten Suchmaschinenoptimierern zu tun."

Herausforderung für die Zukunft

Also mit anderen Worten: eine Marketingsprache, um Aufmerksamkeit zu erregen. Dennoch fällt es uns in Zeiten von Dating-Apps schwer, uns stärker auf einen Partner festzulegen. Es könnte ja noch jemand Besseres auf uns warten. Aber auch das sei nicht die Schuld von Tinder, sagt Hegmann: "Ich glaube nicht, dass wir alle plötzlich so oberflächlich geworden sind, sondern im Gegenteil. Wir kämpfen mit der Ambivalenz dieser Entscheidungstragweite, die wir da haben, weil wir uns eigentlich erhoffen: Dieses Treffen, dieses Date, diese Person, das ist die Person fürs ganze Leben."

Es geht nicht mehr nur darum, gute Partnervorschläge zu bekommen, sondern vielmehr möglichst viele enttäuschende Erfahrungen und Zurückweisungen zu verhindern, sagt Hegmann. Das wird die große Herausforderung für die kommenden Jahre von Dating-Apps sein.

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