Kreuz und Notausgangsschild (Symbolfoto)

Die Zahl der Kirchenaustritte ist schon lange auf einem hohen Niveau. Und sie steigt weiter– sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche. Nicht allen Menschen fällt der Austritt jedoch leicht. Warum sie dennoch gehen? Wir haben Menschen in Hessen gefragt.

Es ist Fakt: Kirchen in Deutschland und ganz Hessen verlieren weiterhin massiv an Mitgliedern. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau etwa verzeichnete 2022 rund 30.000 Austritte - 6.000 mehr als im Jahr zuvor. Doch schon im Vorjahr äußerte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, betroffen zur Entwicklung der Mitgliedszahlen: "Da gibt es nichts schönzureden, es sind sehr ernüchternde, erschütternde Zahlen. Die höchste Zahl von Kirchenaustritten, die wir je verzeichnet haben, mit 360.000 Menschen etwa, die die katholische Kirche in Deutschland verlassen haben." Das war 2021.

Cintia Ferradas lebt in Hofheim am Taunus. Sie ist schon vor einigen Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Die Entscheidung fiel ihr nicht leicht. "Ich bin getauft, ich hab die Kommunion durchlaufen und bin auch gefirmt", sagt sie. Sie finde viele Sachen auch gut, sei aber letztlich ausgetreten wegen "der ganz starken Wellen, die immer wieder kamen, der sexuellen Missbräuche der Kinder. Das hat mich unglaublich betroffen gemacht. Vor allen Dingen der Umgang damit, quasi letztlich gar keinen Umgang damit. Das hat mich sehr bestürzt und letztlich dann zu meiner Entscheidung geführt."

Zu wenig Ausgaben für den guten Zweck

Sie selbst hat einen kleinen Sohn. Ähnliche Themen haben auch Björn Winzer bewegt. Auch er ist Vater eines Sohnes, ist aber schon vor über zehn Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Oft hatte er darüber nachgedacht; die Kirche besuchte er meist ausschließlich an Heiligabend, erzählt er. Die Kirchensteuer sah er dennoch als guten, als wohltätigen Zweck – für Seniorenheime etwa oder Kindergärten. Er habe dann zwei Gründe gehabt, weshalb er es letztlich durchgezogen habe mit dem Austritt: "Ich habe einmal in einer Wochenzeitung einen Artikel gesehen, wie wenig wirklich von der Kirchensteuer dann für gute Zwecke verwendet wird – erschreckend wenig. Und gepaart war das Ganze damals mit diversen Skandalen bezüglich körperlicher Gewalt von Pastoren, sexuellen Übergriffen an Kindern. Und diese beiden Gründe haben mich dann letztendlich dazu bewegt, die Kirche zu verlassen."

Skandale, Vertrauensverluste, die teure Kirchensteuer - immerhin fast 300 Euro Kirchensteuer zahlen deutsche Arbeitnehmende pro Jahr im Schnitt, nicht im System festhängen, lieber andere wohltätige Zwecke unterstützen: Es gibt viele Gründe, warum Menschen aus der Kirche austreten. Der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Elz hört von vielen ehemaligen Mitgliedern, warum sie nicht in der Kirche bleiben wollten: "Die Leute schreiben mir manchmal: 'ein System, so dysfunktional und auch so in Vertuschung von Verbrechen verstrickt, so unbeweglich und systemunfähig, das will ich einfach mit meinen Mitteln nicht unterstützen, ich mache lieber mit meinem Geld etwas anderes.'"

Wandel scheint unumgänglich

Eine Sicht, die sich auch bei einer Umfrage in Petersberg vor einiger Zeit bestätigte: "Die müssen mehr mit den Leuten reden und zusammenarbeiten, sie ins Boot holen, ansonsten wird das halt schlimmer", heißt es da. Und: "Da hat auch die Kirche selbst was zu tun. Sie müssen die Vorfälle in der Kirche klären und zwar so, dass es auch ehrlich ist und offen ist." Eine andere meint: "Schade, aber auch irgendwo verständlich, weil es wird sich nicht so richtig gekümmert. Die Kirche bleibt so unter sich und er Rest ist außen vor."

Ein Wandel in der Institution Kirche scheint unumgänglich – das meint auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Limburger Bischof Georg Bätzing: "Diese Kirche muss sich verändern, sonst verliert sie immer mehr Menschen. Es gibt den Vertrauensverlust, gerade auch uns Bischöfen gegenüber. Wenn wir nicht Veränderung hier etablieren, dann nimmt das mehr und mehr zu."

Auch ein Pfarrer einer kleinen Frankfurter Gemeinde erzählt, wie negativ die Zahl der Kirchenaustritte sich entwickelt. Viele Namen der Menschen seien ihm fremd. Für ihn bedeutet das: Es hat keine Begegnung gegeben. Niederschmetternd, sagt er. Die Hofheimerin Cintia Ferradas würde sich, trotz ihres Kirchenaustritts, als gläubige Hessin beschreiben. Ihren Glauben lebt sie für sich weiter, sagt sie - auch ohne Kirche. "Indem ich die Werte, die die Kirche dann doch grundlegend überbringt, einfach im Privatleben versuche weiterzuleben beziehungsweise dass sie immer präsent sind."

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