Gehaltsverhandlungen "Männer gelten als durchsetzungsstark, Frauen als gierig"

Frauen verdienen oft immer noch weniger als Männer mit gleicher Ausbildung und ähnlicher Position. Woran das liegt und was die Frauen selbst für bessere Gehälter tun können - unsere Reporterin hat nachgefragt.

Equal Pay Day
Bild © Pexels / Sora Shimazaki
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Teilzeit, Kinderbetreuung und Arbeit in Branchen, in denen schlechter bezahlt wird. Dass Frauen im Durchschnitt immer noch weniger Geld als Männer verdienen, liegt häufig am System, sagt Anja Henningsmeyer, Trainerin für Verhandlungsführung in Frankfurt. Aber auch an Stereotypen in der Arbeitswelt und der Einstellung vieler Frauen. "Grundsätzlich verlangen Männer mehr, sie setzen höher an, der Verhandlungsspielraum ist größer", sagt sie. Von Frauen höre sie hingegen oft den Satz, sie wollten es sich mit ihrem Arbeitgeber nicht verderben.  

Eine Zurückhaltung, die ich auch bei einer kurzen Straßenumfrage in Heppenheim zu spüren ist: "Ich denke, die Frauen dürfen schon mutiger sein zu zeigen, was sie können. Aber das hängt auch mit der Prägung zusammen, mit der Erziehung, mit dem Alter", sagt eine Passantin. Sie selbst arbeitet im öffentlichen Dienst und ist froh, deshalb unangenehmen Gehaltsverhandlungen aus dem Weg gehen zu können.

Soziale Kosten für Frauen höher als für Männer

Andere wissen gar nicht, wie viel Geld die Kollegen bekommen: "Ich finde, dass jeder gleich viel verdienen soll – Mann, Frau, das sollte keine Rolle spielen, aber bei uns im Betrieb weiß ich es nicht", sagt ein Mann. Und ein anderer meint: "Es ist in Deutschland immer noch ein Tabu, über Geld zu sprechen. Das ist in anderen Ländern ganz anders." Eine junge Frau aus der Versicherungsbranche schließlich hält dagegen: "Ich denke, dass die Frauen auch selbst dafür verantwortlich sind. Ich verdiene mehr als meine Kollegen, ich habe gelernt, der Arbeitgeber schenkt einem nichts. So scheint die Arbeitswelt zu funktionieren. Und da muss jeder an sich arbeiten."  

Verhandlungstrainerin Anja Henningsmeyer weiß aus Studien aber auch: Frauen brauchen mehr als einfach nur Mut. Denn tatsächlich gibt es Unterschiede: "Die sozialen Kosten für Frauen sind höher als für Männer. Das muss man verstehen, bevor man Frauen kritisiert, oder die Frau sich selbst kritisiert. Gegenwind gibt es dann, wenn die Frauen selbstbewusst für sich verhandeln. Was bei Männern als durchsetzungsstark gilt, wird Frauen als gierig ausgelegt."

Verhandlungserfolge haben nichts mit Talent zu tun

Sie sagt deshalb: Das "Wie" beim Verhandeln ist für Frauen im Bewerbunsgespräch umso wichtiger. "Dass ich dann zum Gegenüber sage: 'Ich weiß nicht, wie üblich es ist für Personen an meiner Position zu verhandeln, aber ich hoffe, dass Sie meine Verhandlungskompetenz als etwas Wichtiges sehen, das ich für diese Stelle mitbringen kann.'" 

Verhandlungserfolge haben dabei nichts mit Charisma oder Talent zu tun, so Anja Henningsmeyer. Sondern vor allem mit guter Vorbereitung. "Ich muss mir sehr klar sein, was will ich und was ist gerade noch akzeptabel. Dann auch üben - üben Sie mal, die Zahl auszusprechen, die sie haben wollen. Damit sie die gut körpersprachlich vertreten können."

Und falls es dann mit der Forderung doch nicht klappen sollte, rät Anja Henningsmeyer zu Beharrlichkeit. Und zur Gelassenheit. Denn seinen Wert als Person sollte man ihrer Meinung nach nie an der Zahl auf dem Gehaltszettel messen. 

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Was ist der "Equal Pay Day"?

Der Equal Pay Day ist ein Aktionstag, der darauf aufmerksam macht, dass Frauen weltweit weniger verdienen als Männer. In Deutschland beträgt die Lücke zwischen den durchschnittlichen Brutto-Stundenlöhnen von Frauen und Männern derzeit 18 Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt). Angenommen Männer und Frauen bekommen den gleichen Stundenlohn: Dann steht der Equal Pay Day für den Tag, bis zu dem Frauen theoretisch unbezahlt arbeiten, während Männer schon ab dem 1. Januar für ihre Arbeit entlohnt werden. Zwischen Frauen und Männern mit den gleichen "arbeitsmarktrelevanten Eigenschaften" bleibt in Deutschland eine Lohnkluft von 7 Prozent bestehen

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 Sendung: hr-iNFO "Aktuell", 7.3.2023, 6 bis 9 Uhr

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Quelle: hr-inforadio.de/csi