Schüler meldet sich

Die Gesellschaft könne sich nicht leisten, was derzeit an den Grundschulen passiere, sagt Bildungsexperte Ramseger. Was an der Basis versäumt werde, beeinträchtige den ganzen Bildungsverlauf der Kinder.

hr: In Deutschland sollen laut Bertelsmann-Stiftung bis 2025 über 26.000 Grundschullehrer fehlen. Das sind viel mehr, als noch bis vor Kurzem bekannt war. Was passiert da gerade?

Ramseger: Wir erleben eine De-Professionalisierung des Lehramtes. Und auch eine De-Qualifizierung, eine Abwertung der Arbeit der Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer in Deutschland, die es in dieser Form seit den 1960er Jahren noch nicht gegeben hat. Die Arbeit in der Schule wird nicht mehr bloß durch äußere Umstände wie Ausstattung oder neue Schüler oder schwierige Schüler immer komplizierter gemacht.

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Zur Person

Jörg Ramseger ist Professor für Grundschulpädagogik an der Freien Universität Berlin.

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Sondern wir verzichten inzwischen auch auf ausgebildete Lehrkräfte und arbeiten mit Laien-Pädagogen, die weder von der modernen Grundschul-Pädagogik etwas wissen noch von den Gegenständen, die sie unterrichten sollen. Und das ist natürlich ein erheblicher Eingriff in die Qualität des Bildungssystems, der auch erhebliche Folgen haben wird. Das ist vorhersehbar. 

"Dramatischer Leistungsabfall"

hr: Welche Folgen sind zu erwarten?

Ramseger: Die Kinder, die eine besonders gute Förderung bräuchten, werden diese Förderung nicht in dem Maße bekommen, wie man es von der Grundschule erwarten würde. Wir werden in den Leistungsstudien in vier, fünf Jahren einen dramatischen Leistungsabfall bekommen. Das kann man vorhersehen. Wir werden steigende Zahlen von Kindern mit Lese-/Rechtschreibschwäche haben. Wir werden steigende Zahlen von Kindern mit Rechenschwäche bekommen. Das ist alles mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersehbar. 

hr: Können wir uns das leisten in Deutschland? 

Ramseger: Die Republik kann es sich nicht leisten, weil mit dem, was an der Basis versäumt wird, der ganze weitere Bildungsverlauf der Kinder beeinträchtigt wird. Und da ist ja niemand mehr, der das nacharbeitet - außer private Nachhilfe-Institute, die sich viele Eltern nicht leisten können. Nein, die Gesellschaft kann es sich nicht leisten. Es ist (nach den 1960er Jahren, Anm. der Red.) eine neue, zweite deutsche Bildungskatastrophe, was wir hier erleben. Das muss man so klar benennen.

Schreiner und Frisöre als Grundschullehrer

hr: Fast alle Bundesländer sprechen von einer hundertprozentigen Unterrichtsabdeckung, manche sogar von 104 oder 105 Prozent. Da könnten Eltern ja erst mal denken: Es gibt sogar einen Puffer, ist doch alles super!

Ramseger: Ja, aber die erste Frage ist: Von wem wird denn der Unterricht abgepuffert? Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg hat vor kurzem in einer Pressemitteilung darauf aufmerksam gemacht, dass in Baden-Württemberg jetzt Schreiner, Frisöre und Fleischerei-Fachverkäuferinnen auf Grundschullehrerstellen tätig sind. Wenn die also die Statistik füllen und man sagt: 'Wir haben 100 Prozent Personal-Abdeckung', dann ist das vielleicht richtig, weil sie einen erwachsenen Menschen vor eine Klasse gestellt haben. Aber was ist damit gewonnen?

Man stelle sich den umgekehrten Fall vor: Eine Grundschullehrerin würde in eine Schreinerwerkstatt versetzt werden und kriegt vom Schreinermeister gesagt: 'Hier ist ein Plan, bau mal die Schrankwand!' Da würde sich jeder an den Kopf fassen und sagen: Das geht nicht! Mit Grundschulkindern kann man so etwas machen. Also Unterrichtsversorgung mit Laien-Pädagogen heißt zunächst, da sind erwachsene Bewacher im Klassenzimmer, damit kein Kind aus dem Fenster fällt. Ob da sinnvoller Unterricht stattfindet, ist doch eine ganz andere Sache. Es wird vollkommen unterschlagen, dass insbesondere in der Schulanfangsphase, wo ja die Basis für alles weitere schulische Lernen gelegt wird, hochqualifizierte Menschen gebraucht werden, die genau wissen, was sie tun.

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„Jetzt stellen wir Frisöre an, Fleischerei-Fachverkäuferinnen und sagen: Macht Ihr mal den Rechtschreib-Unterricht! Es ist ein Skandal ersten Ranges.“ Zitat von Professor Jörg Ramseger
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Ich erinnere daran, dass wir vor wenigen Monaten in der Öffentlichkeit einen heftigen Streit hatten über die richtigen Formen des Rechtschreibunterrichts. Basis war eine Messung des Berliner Instituts, das die IQB-Bildungs-Trends herausgibt (das IQB ist das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, Anm. der Red.), dass nur 62 Prozent der Kinder in Deutschland die Rechtschreibstandards hinreichend erfüllen.

Jetzt könnte man doch erwarten, dass intensive Ursachenforschung betrieben wird und dass man guckt, was müssen wir ändern? Wo sind die Probleme? Das müssen doch Fachleute machen! Und jetzt stellen wir Frisöre an, Fleischerei-Fachverkäuferinnen und sagen: Macht Ihr mal den Rechtschreib-Unterricht! Es ist ein Skandal ersten Ranges und man darf nicht aufhören, den Skandal einen Skandal zu nennen.

"Kinder schreiben sich Schulversagen selbst zu"

hr: Es gibt auch Quereinsteiger, die eine akademische Ausbildung haben, die Deutsch oder Mathematik studiert haben und "nur" keine fachdidaktischen Kenntnisse mitbringen. Kann es bei ihnen nicht gut funktionieren, sie weiterzuqualifizieren und an Grundschulen einzusetzen? 

Ramseger: Es ist nicht ganz falsch. Wir müssen sehen, dass wir die Situation auch differenziert beleuchten. Natürlich kann man, wenn man keine Grundschullehrerinnen hat, Gymnasiallehrer und Studienräte in Klasse drei und vier der Grundschule einsetzen. Die haben ja wenigstens ein oder zwei Fächer ordentlich studiert, von denen sie die Inhalte beherrschen. Die haben auch Fachdidaktik und allgemein didaktische Grundlagen studiert. Das macht schon Sinn. Natürlich kann ein Physiker, wenn wir einen dramatischen Lehrermangel haben, vielleicht den Physikunterricht in der gymnasialen Oberstufe mit Verstand machen. Weil dort die Schülerinnen und Schüler sitzen, die schon eigenständig Lernen gelernt haben. Und nicht mehr in dem Maße auf pädagogische Qualität angewiesen sind wie die kleinen Kinder. 

Aber schauen wir mal auf die Schul-Anfangsphase. Der Grundschulverband hat ja entschieden gefordert, dort keine Laien-Pädagogen einzusetzen. Ich will Ihnen auch mal begründen warum: Es gibt in der Didaktik etwa vier bis fünf klar unterscheidbare didaktische Konzepte, wie man Kinder in die Schriftkultur einführt, also lesen und schreiben. Diese Konzepte sind in sich höchst-unterschiedlich konstruiert. Wer das nicht weiß, wer die nicht unterscheiden kann, sondern sich einfach irgendeinem Lehrwerk anvertraut, macht damit einen Doppelfehler.

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„Wenn der Schrift-Spracherwerb in der Schul-Anfangsphase misslingt, holt das ein Kind nie wieder auf.“ Zitat von Professor Jörg Ramseger
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Erstens: Er behandelt alle Kinder gleich, weil er nur ein Lehrwerk nutzen kann. Und zweitens: Er weiß gar nicht, was er tut. Diese Menschen haben keine Ahnung, was der didaktische Hintergrund der einzelnen Schritte ist. Sie sind auch nicht in der Lage, Fehlentwicklungen der Kinder zeitig diagnostizieren zu können, um gegenzusteuern. Das sind alles Dinge, die lernt man in einem ordentlichen Grundschul- Pädagogik-Studium. Da lernt man, einen diagnostischen Blick zu entwickeln. Da lernt man etwas über die normalen Entwicklungsstufen des Schrift-Sprach-Erwerbs beim Kinde. Da lernt man, welche Fehler normal und tolerierbar sind und welche ein Signal sind für Gegenaktionen, die dringend nötig wären. Wer davon nie etwas gehört hat, kann nur dilettieren.

Und das ist natürlich verheerend, weil wenn der Schrift-Spracherwerb in der Schul-Anfangsphase misslingt, holt das ein Kind nie wieder auf, weil es dann auch im Mathematikunterricht die Aufgaben nicht verstehen kann, weil es dann auch komplexe Texte im Sachunterricht nicht analysieren kann.

Kinder in sozialen Brennpunkten sind die Opfer

Die kleinen Kinder sind auch deswegen in hohem Maße auf höchste Kompetenz der Lehrkräfte angewiesen, weil sie ein Versagen in der Schule immer sich selber zuschreiben. Die Sechsjährigen, die Siebenjährigen, die Achtjährigen, wenn die auf einmal schlechte Noten nach Hause bringen, sagen sie ja nicht: Ich hatte eine schlechte Lehrerin, meine Lehrkraft ist unqualifiziert. Sondern die Kinder schreiben sich das Schulversagen selber zu. Und das heißt, sie werden in einem Maße vom Weiterlernen entmutigt, das absolut erschreckend ist und auch die Leistungsfähigkeit der Kinder auf Dauer zerstört.

hr: Die Bundesregierung plant, bis zum Jahr 2025 den Anspruch der Kinder auf eine ganztägige Betreuung in der Grundschule sicherzustellen. Sie sagen, das kann aufgrund des fehlenden Fachpersonals nicht funktionieren und bezeichnen das als Betrug. Betrug an wem?

Ramseger: Insbesondere an den Kindern, die im Elternhaus nicht die Unterstützung erfahren können, die sie für eine erfolgreiche Bildung brauchen. Die Opfer stehen ja schon im Vorhinein fest. Wir wissen schon, wer hinterher versagen wird: Es sind die Kinder, die die professionellsten Pädagogen bräuchten, insbesondere Kinder in sozialen Brennpunkten gehäuft. Und genau in diese Schulen schicken wir derzeit die meisten Quer- und Seiteneinsteiger. In den Villenvierteln sind die nicht. In den Villenvierteln sind ordentlich ausgebildete Lehrkräfte. Es ist schon ein Betrug an diesen Kindern.

"Schulleiter sollten den Laden mal dichtmachen"

hr: Was sollte Ihrer Meinung nach akut getan werden, was sollte die Konsequenz sein, bis es wieder genug Lehrer gibt? Es gibt nun mal zu wenige Lehrer. Müssen wir die Grundschulen schließen?

Ramseger: Ich würde auf jeden Fall nicht der Öffentlichkeit vorgaukeln, ich könnte ausgerechnet jetzt die Halbtagsschule zu einer Ganztagsschule ausweiten. Das ist schon mal das Erste. Und das Zweite: Ich würde die vorhandenen Lehrkräfte im Unterricht stark konzentrieren auf die Dinge, die kein anderer übernehmen kann. Den Englischunterricht zum Beispiel in der Grundschule müssen nicht deutsche Grundschullehrerinnen übernehmen. Dafür könnte man Englischlehrer aus dem Ausland anwerben. Dann könnte ich die Lehrkräfte, die bislang Englisch in der Grundschule unterrichten, freisetzen davon und könnte sie für den Kern der Grundschule - den Schriftspracherwerb und die Einführung in den mathematischen Anfangsunterricht - verwenden. 

Und ich würde mir auch mal wünschen, dass Schulleiter sagen: Ich mach die Schule heute Mittag um zwölf Uhr zu! Ich habe kein Personal mehr. Leider sind sie alle verbeamtet, deswegen tun die das nicht. Das ist ja auch der Zweck der Verbeamtung, dass sie ohne Widerstand immer weitermachen. Ich würde mir wünschen, sie würden den Laden mal zumachen!

"Es war vorhersehbar"

hr: Haben wir es im Moment mit einer ganzen verlorenen Generation von Grundschulkindern zu tun?

Ramseger: Ich glaube, das ist ein hartes Wort. Ich würde es vielleicht nicht benutzen, weil die Schule für viele Kinder nicht so bedeutend ist, wie man immer denkt. Familie und Umwelt sind noch viel prägender. Aber es wird Verlierer geben - Bildungsverlierer: nämlich jene Kinder, die auf eine besonders hochwertige Pädagogik besonders angewiesen wären, weil sie im Elternhaus nicht die Unterstützung bekommen können, die sie für eine erfolgreiche Schulkarriere brauchen. Da werden wir die Opferzahlen hochtreiben.

Das Bildungsbürgertum weiß sich zu helfen: Der Nachhilfe-Markt wird blühen. Es hat mich kürzlich eine Journalistin gefragt: Was können Eltern in dieser Situation tun? Da hab ich geantwortet: Aktien kaufen von Nachhilfe-Instituten. Das ist eine zukunftsträchtige Branche.

hr: Was ärgert sie am meisten an der derzeitigen Situation?  

Ramseger: Es war vorhersehbar! Wir haben, als die Bachelor- und Master-Studiengänge eingeführt wurden, regelmäßig der Kultusverwaltung gesagt: Vergleicht mal Eure schon bekannten Pensionierungsdaten mit der Zahl der Studienanfänger, die wir jetzt haben. Das kann nicht gut gehen. Ihr werdet in fünf Jahren ein Problem kriegen! Wir haben es ihnen regelmäßig gesagt und es hat sie niemals interessiert.

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Das Interview führten Brigitte Kleine und Petra Boberg.

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