Kirsten Boie

Boie kritisiert die Verhältnisse an deutschen Grundschulen: Die sozialen Hintergründe der Kinder würden sich beim Lesevermögen auswirken. Dabei sei Lesen das "Nadelöhr in die Gesellschaft", so die Kinderbuch-Autorin.

Kirsten Boie trägt ihre Geschichten in die Schulen zu den Kindern. Die Autorin besucht eine Grundschulklasse mit einem Buch in der Hand, das sie als kleinen Test erst mal hochhält: "Daraus möchte ich Euch jetzt vorlesen. Könnt ihr denn sehen, wie das heißt?" Die Reaktion in der Klasse gibt Kirsten Boie einen ersten Eindruck davon, wie gut die Kinder lesen und verstehen können. In Schulen mit gutem, privilegiertem sozialen Umfeld melden sich fast alle Kinder.

"In anderen Stadtteilen, in benachteiligten Stadtteilen oder Brennpunkt-Stadtteilen ist es erst mal still. Dann sehe ich, wie die Kinder die Augen zusammenkneifen. Dann sehe ich, wie sich die Lippen bewegen, weil die eben noch nicht still lesen können, sondern noch laut Buchstabe an Buchstabe reihen", sagt die Autorin. Die Konsequenz sei dann, dass die Kinder es nicht verstehen können, weil der Anfang schon rausfalle, bis sie das Ende erreicht haben. Und dann melden sich "ganz wenige, wenige Mutige."

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Ungerechtigkeit ist "erschütternd"

Kirsten Boie, die mit mehr als 100 veröffentlichten Büchern zu Deutschlands erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen gehört, sammelt seit Jahren Erfahrungen an den Schulen. "Ich bin an Schulen in den unterschiedlichsten Stadtteilen unterwegs, an denen ich Kindern mit sehr unterschiedlichen sozialen und bildungsmäßigen Hintergründen begegne. Und es ist geradezu erschütternd zu sehen, wie weit die Schere da auseinanderklafft", sagt sie.

Weitere Informationen

Info IGLU-Studie

Bei IGLU wird das Lesevermögen von Schülerinnen und Schülern der 4. Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich getestet. Deutschland hat bereits viermal an der Studie teilgenommen, zuletzt 2016. Die Ergebnisse wurden im Dezember 2017 veröffentlicht.

In Deutschland gingen die Forscher dabei an 208 Grund- und Förderschulen und testeten dort insgesamt 4277 Viertklässler. Die Kinder waren durchschnittlich rund zehn Jahre alt. Außerdem waren rund 200 Deutschlehrerinnen, 190 Schulleitungen und 3000 Eltern an der Untersuchung beteiligt.

In Deutschland wird IGLU unter der wissenschaftlichen Leitung von Wilfried Bos am Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Technischen Universität Dortmund durchgeführt. Die Studie ist international unter dem Namen PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) bekannt.

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Da ist Empörung in jedem Wort, wenn die Autorin über ihre Erfahrungen mit dem deutschen Bildungssystem spricht. Es ist die Ungerechtigkeit, die fehlende Chancengleichheit, die Kirsten Boie so bewegt. "Wenn sie das immer wieder erleben und wenn sie das, wie ich, Jahrzehnte lang erleben, dann ist das schon sehr erschütternd", sagt sie. Denn kein Kind könne etwas dafür, in welche Familie es geboren werde.

Lesen ist "Nadelöhr in die Gesellschaft"

Die Autorin führt die IGLU-Studie an, die Grundschul-Lese-Untersuchung, um ihre These zu untermauern. Die besagt, dass Deutschland das Land von 53 untersuchten OECD-Staaten ist, bei dem die soziale Herkunft die größte Rolle für die Lesefähigkeit spielt, erklärt Boie. "Dann ist das auf eine Weise beschämend für ein so reiches Land wie wir es sind, dass ich dafür überhaupt kein Verständnis haben kann", sagt die Autorin.     

Kirsten Boie ist eine freundlich und zurückhaltend auftretende Frau. Und dennoch kann sie sehr stark und  hartnäckig sein, wenn es um Dinge geht, die ihr wichtig sind. Dazu gehört ihre Forderung "jedes Kind muss lesen lernen!" Im Dezember 2018 hat sie unter dieser Unterschrift die "Hamburger Erklärung" verfasst, ein Aufruf an Politik und Gesellschaft, sich endlich diesem Problem zu stellen.

"Lesen-Können ist das Nadelöhr in die Gesellschaft": So umschreibt die Schriftstellerin die Bedeutung des Lesen-Könnens – als des richtigen, sinnentnehmendem Lesens. Auch weil sie davon überzeugt ist, dass es sich eine moderne Gesellschaft nicht leisten kann, dass fast jedes fünfte Kind nicht richtig lesen lernt. Denn zu diesem Ergebnis war die 2017 veröffentlichte IGLU-Studie gekommen.

Mit ihren beliebten Büchern wie "Der kleine Ritter Trenk" oder "Thabo, Detektiv und Gentleman" gibt Sie Kindern jede Menge Lesefutter. Ihre Erfahrungen an den Schulen fließen auch in ihre kreative Arbeit: Mit "Thabo und Emma" entwickelt sie derzeit ihr erfolgreiches Detektiv-Format für leseschwache Kinder weiter. Mit einer Kombination aus spannender Action, kurzen Sätzen und einfacher Erzählstruktur will sie die erreichen, die auch mit 9 Jahren noch Mühe haben, ein ganzes Buch zu lesen.     

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