Klingel mit der Aufschrift "Schuldnerberatung"

Während Bund und Länder über das dritte Entlastungspaket diskutieren, können sich Sozial- und Schuldnerberatungen vor Anfragen kaum retten. Die Maßnahmen der Politik könnten die Sorgen vieler Menschen nicht lindern, sagen Mitarbeitende. Die Lage spitze sich immer mehr zu.

88 Euro muss Marie Hubka mittlerweile für Strom und Gas zahlen, 15 Euro mehr als noch vor zwei Monaten. "Das ist schon ordentlich", sagt die alleinerziehende Mutter. Sie lebt zusammen mit ihrem acht Jahre alten Sohn in einer Wohnung in Frankfurt.

Aufgrund eines Motorradunfalls kann sie nicht mehr arbeiten und bekommt eine Unfallrente – 700 Euro im Monat. Damit kommt die 28-jährige Frau zwar über die Runden, aber: "Es ist ja nicht nur, dass die Gaspreise steigen, sondern auch die Lebensmittel und da macht man sich schon Sorgen, wo das alles endet", sagt sie. "Der Winter hat noch nicht mal richtig begonnen und es ist noch hin, bis die Heizsaison aufhört."

Immer mehr Menschen geraten unter Druck

Mittlerweile hat die alleinerziehende Mutter Existenzängste. Und sie ist mit ihren Problemen längst nicht allein. Auch andere Alleinerziehende, Rentner, Studenten, Kurzarbeiter, Minijobber, Selbständige und Familien: Sie alle rennen deshalb den Sozial- und Schuldnerberatern in Hessen die Türen ein. Wie es beim Diözesancaritasverband Limburg heißt, gebe es viel mehr Anfragen als Termine.

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"Das Thema" als Podcast: Wer soll das bezahlen? Streit über das dritte Entlastungspaket

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Unter Druck geraten auch immer mehr Menschen, die viele Jahre lang gut durchs Leben gekommen sind, berichtet Jessica Magnus, die bei der Caritas für Sozialfragen zuständig ist: "Wenn man die Familie nimmt, die ein Haus gekauft oder gebaut hat, dann ist das knapp kalkuliert. Und wenn sich der Gaspreis verdreifacht oder gar verfünffacht, dann ist das etwas, was das ganze Zahlungskonstrukt in Schieflage bringt."

Teilweise horrende Nachzahlungen

Vor allem beim Gas gebe es derzeit Preiserhöhungen auf breiter Front und entsprechend seien auch höhere Abschläge zu zahlen. Teils gebe es horrende Nachzahlungen. Das mache den meisten hier in den Beratungen zu schaffen. Sie hätten schlicht Angst, im Winter im Kalten zu sitzen, so Magnus: "Die haben Panik, wissen nicht, wie es weitergeht, nicht, wie der Winter wird. Wir haben eine Situation, die wir uns die letzten 50 Jahre nicht vorstellen konnten."

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„Wir haben eine Situation, die wir uns die letzten 50 Jahre nicht vorstellen konnten.“ Jessica Magnus, Caritas Limburg Jessica Magnus, Caritas Limburg
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Immerhin - einen Tipp haben die Berater der Caritas: Steigen die Belastungen durch die Energiekrise stark an, gibt es für die Ratssuchenden eventuell die Möglichkeit, Sozialleistungen wie Hartz IV oder Grundsicherung zu beantragen. Dann übernimmt das Amt die Heizkosten, meint die Sozial-Referentin: "Gegebenenfalls kann in dem Monat, in dem eine Nachzahlung fällig ist, ein Antrag gestellt werden. Das ist aber alles im Einzelfall zu prüfen."

Maßnahmen der Bundesregierung "nicht immer durchdacht"

Das Nachsehen haben dagegen Geringverdiener und ältere Menschen ohne Anspruch auf Sozialleistungen. So auch ein Frankfurter Rentner, der anonym bleiben will. Er lebt mit seiner Frau zusammen in einer Wohnung, der Vermieter hat mehrmals die Vorauszahlungen für die Heizung erhöht und so muss ihm das Paar mittlerweile monatlich 1.100 Euro überweisen - bei einer Rente von 1.800 Euro ist die Schmerzgrenze allmählich erreicht: "Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Das macht mir Stress, ich kann nur noch sehr schlecht schlafen", sagt er.

Solche Sorgen sind weitverbreitet und die Entlastungspakete der Bundesregierung lindern sie nur wenig, meint Jessica Magnus von der Caritas Limburg. Einmalzahlungen, Tankrabatt, Neun-Euro-Ticket und Co. - solche Maßnahmen seien zwar gut, aber nicht immer durchdacht. Etwa die Energiepreispauschale: "Das wird auf dem Konto landen, aber es kann sein, dass es dann gepfändet wird, das ist nicht gesichert."

Für hochverschuldete Menschen ein Riesenproblem. Und auch insgesamt spitzt sich die Lage allmählich zu, meint Magnus:  "Mich graust es total, ich denke, dass wir in eine soziale Katastrophe reinsteuern." Denn wenn sich die Einen elementare Dinge wie Gas nicht mehr leisten können
und Andere weiter in Luxus-Geschäften ihr Geld ausgeben können, birgt das für Magnus sozialen Sprengstoff.

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