Psychotherapie (Symbolbild)

Erst zwei Jahre Corona-Ausnahmezustand, dann der Krieg in der Ukraine: Für viele Menschen bedeutet das psychischen Dauerstress. Das merken auch Psychiater und Psychotherapeuten in Hessen. Die Wartezeiten für Therapien sind deutlich länger und Einweisungen in die stationäre Psychiatrie schwieriger.

Welche Folgen der Krieg in der Ukraine auf die Psyche habe, werde man erst noch sehen, sagt Dr. Heike Winter, psychologische Psychotherapeutin in Offenbach. Wir würden jedoch an uns selbst und bei Freunden und Bekannten merken, wie extrem präsent das Thema sei und welche Sorgen auftreten.

Wartezeiten von bis zu zwei Jahren

Bei Älteren können Fluchterfahrungen reaktiviert werden, andere erleben die Angst vor einem Atomkrieg oder lassen das Kriegs-Geschehen zu nah an sich ran. Sorgen machen Heike Winter auch Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und wenig Geld: Wenn man ohnehin am Rand rumkrebse und die Preise durch den Krieg weiter steigen, dann entstünden Ängste, dass man es nicht mehr schaffe. "Das ist hoch bedrohlich und damit entsteht über eine hohe psychische Belastung ein erhöhtes Risiko, psychisch zu erkranken."

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Zwischen Krieg und Corona: Die Sorgen in der Endlosschleife

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Heike Winter ist auch Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. Seit 20 Jahren ist die Zahl der Psychotherapeutinnen und -therapeuten im Wesentlichen gleichgeblieben, der Bedarf ist aber gestiegen. Und sie bestätigt, dass sich die Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz extrem verlängert haben: "Vorher war es so im Bereich drei bis fünf Monate und dann vier bis sieben Monate, manchmal auch zwei Jahre."

"Menschen mit Suizidgedanken werden weggeschickt"

Das ist eine mittere Katastrophe, kommentiert Dr. Katja Bonardi, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit Praxis in Frankfurt. Bonardi hatte immer ein Netzwerk von Kolleginnen und Kollegen, denen sie Patienten zur Psychotherapie schicken konnte. Seit des Beginns der Corona-Pandemie funktioniere das aber nicht mehr. "Das heißt, wenn ich jemanden habe, der einen Psychotherapie-Platz braucht und ich frage mein Netzwerk, können die mir fast immer auch nur sagen: 'Tut mir leid, ich bin bis über alle Ohren voll, es geht gar nicht mehr.'"

Auch die Einweisung von schweren Fällen in die stationäre Psychiatrie sei schwieriger geworden, sagt Katja Bonardi: "Die werden teilweise weggeschickt. Menschen, die wir schicken, mit einer fachärztlichen Einweisung, mit Suizidgedanken, mit schlimmster, schwerster Depression, Ängsten, akuter Psychose - die werden wieder weggeschickt, nach Hause, und das geht einfach nicht."

Verärgert über Medien

Sie ärgert sich darüber, wenn in den Medien nur Negativnachrichten kommen, weil das etwas mit den Menschen mache, besonders mit psychisch belasteten: "Dann frage ich immer: 'Gucken Sie Fernsehen? Brennpunkt, Talkshows?' Und wenn die sagen: 'Ja klar', dann sage ich immer: 'Hören Sie auf damit, schalten Sie aus.'" Betroffene müssen sich stattdessen in ihrer Selbstwirksamkeit erleben, sagt die Psychiaterin. Konkret heißt das: "Ich kann was tun. Ich kann jetzt vielleicht nicht konkret den Menschen in der Ukraine helfen, aber ich kann bei einer Hilfsorganisation mitmachen, ich kann fünf Euro spenden, ich kann irgendwohin gehen und was machen. Ich kann mir was Gutes tun, damit es mir besser geht."

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Hilfe bei Depressionen

Bei Suizidgedanken sollten sie in jedem Fall die Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort kontaktieren. Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter der Telefonnummer 116 117 zu erreichen. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Hilfsangebote.

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung zu jeder Tages- und Nachtzeit unter den bundesweiten Telefonnummern (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222. Die Telefonseelsorge bietet auch eine Mail- und eine Chat-Beratung an.
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: erreichbar montags, dienstags und donnerstags von 13 bis 17 Uhr sowie mittwochs und freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr unter (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet auch einen Selbsttest sowie Informationen und Adressen rund um das Thema Depression an.
  • Diskussionsforum Depression: Erfahrungsaustausch für Betroffene und Angehörige
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