Lehrer bringt Grundschülern Rechnen bei

Weil es zu wenige Lehrer gibt, unterrichten immer mehr Quereinsteiger an deutschen Grundschulen. Aber was genau sind Quereinsteiger eigentlich? Welche Voraussetzungen müssen sie erfüllen? Unsere Nachfrage bei den Kultusministerien zeigt: Eine einheitliche Antwort gibt es nicht.

Bildung ist in Deutschland Ländersache. Das heißt, es gibt 16 verschiedene Kultusministerien, die dafür zuständig sind, dass in ihrem jeweiligen Bundesland alle Kinder unterrichtet werden. Diese sind unter anderem dafür verantwortlich, dass es genügend Lehrkräfte gibt oder wenn es - wie derzeit der Fall - zu wenige Lehrkräfte gibt.

Quereinsteiger ist nicht gleich Quereinsteiger

Der Mangel ist hier enorm groß und wird bundesweit bis 2025 auf 26.300 Lehrer anwachsen. Um den Unterricht am Laufen zu halten, müssen viele Schulen, vor allem Grundschulen, in Deutschland auf fachfremdes Personal zurückgreifen. Da wird der Biologe zum Sportlehrer, die Krankenschwester zur Mathematiklehrerin, die Künstlerin zur Förderschullehrerin, der Student zum Vertretungslehrer. Sie alle sind sogenannte Quereinsteiger.

Laut Wikipedia-Definition ist das eine "Person, die aus einer fremden Sparte/Branche in ein neues Betätigungsfeld wechselt, ohne die für diesen Beruf/Branche sonst allgemein übliche "klassische" Berufsausbildung/Studium absolviert zu haben."

Doch bei der Recherche von hr-iNFO und hr-fernsehen wird schnell klar: Für die Bundesländer ist Quereinsteiger nicht gleich Quereinsteiger.

Eine Frage, 16 verschiedene Antworten

Um den Begriff zu klären, wurden im Rahmen der Recherche alle 16 Kultusministerien der Länder angeschrieben. Eine Frage war: Wer ist eigentlich ein Quereinsteiger? Das Ergebnis: Jedes Bundesland hat diese Frage unterschiedlich beantwortet (die Antwort des hessischen Kultusministeriums finden Sie hier [PDF - 287kb]).

In vielen Bundesländern werden unter Quereinsteigern Personen verstanden, die längerfristig im Lehrberuf einsteigen wollen - so zum Beispiel in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Berlin, Hamburg und dem Saarland.  Es sind Menschen, die bereits Akademiker in einem Fach sind, sich jetzt aber zusätzlich pädagogisch und didaktisch zur Lehrkraft weiterbilden. In anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Bremen, Baden-Württemberg, Brandenburg oder Thüringen heißt diese Gruppe Seiteneinsteiger.

Der Lehrermangel ist aber vor allem an Grund- und Förderschulen so massiv, dass immer mehr Menschen kurzfristig eingesetzt werden, damit Unterricht überhaupt stattfinden kann. Diese heißen dann zum Beispiel Vertretungslehrkräfte (Schleswig-Holstein), Feuerwehrlehrkräfte (Rheinland-Pfalz), mobile Reserve (Bayern) oder TVH-Kräfte (Hessen).

Wie sich diese Vertretungspools zusammensetzen beziehungsweise wie sie organisiert werden: Auch das variiert von Bundesland zu Bundesland. Es kann vom verbeamteten Lehrer, dem wieder angeworbenen Pensionär, einem Studierenden oder einer ungelernten pädagogischen Fachkraft ohne akademischen Abschluss in einem anderen Fach alles sein.

Aus den Antworten der Kultusministerien geht trotz aller unterschiedlicher Bezeichnungen hervor, dass sie fast alle auf Laien-Pädagogen zugreifen müssen. Die Ausnahmen sind Bayern, das Saarland und Rheinland-Pfalz. Hier unterrichten an Grundschulen laut Aussage der Ministerien zwar teilweise fachfremde, aber eben nur ausgebildete Lehrkräfte.

Wildwuchs bei der Qualifizierung

Es ist folglich unmöglich, eine bundesweit einheitliche Bezeichnung für Lehrkräfte ohne Fachausbildung zu finden oder eine bundesweit einheitliche Qualifizierungsmaßnahmen zu benennen. Hier herrscht absoluter Wildwuchs. Manche Quereinsteiger erhalten eine berufsbegleitende, pädagogisch-didaktische Qualifizierung, es gibt freiwillige oder verpflichtende Einführungsveranstaltungen, Zweitqualifikationen, Zusatzstudiengänge oder pädagogische Fachseminare.

Da jeder Quereinsteiger andere Voraussetzungen mitbringe, sei eine einheitliche Qualifizierung auch nicht sinnvoll, so der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Alexander Lorz, im Interview mit dem hr. Er setzt darauf, "dass wir die Flexibilität haben, da vor Ort auch möglichst passende Angebote zu machen."

"TVH-Kräfte" in Hessen

Um an hessischen Grundschulen eingesetzt zu werden, müssen die Personen laut Aussage des Kultusministeriums "ein Lehramt, eine Erste Staatsprüfung für ein Lehramt oder eine Eignung für einen Unterrichtseinsatz in einzelnen Fächern nachweisen." Falls es keine geeigneten Bewerber gibt, sind jedoch Ausnahmen möglich. Dann reicht ein fachfremdes, abgeschlossenes Studium oder die Erfahrung im pädagogischen Bereich. Ob tatsächlich jemand die pädagogische Fähigkeit für einen kurz- oder auch langfristigen Einsatz in einer Grundschule mitbringt, entscheidet letztendlich das Schulamt und die Schulleitung.

Bei einer Einstellung erhalten die Beschäftigten einen sogenannten Tarifvertrag Hessen. Diese TVH-Kräfte haben erst dann Anspruch auf eine Fort- oder Ausbildung, wenn sie länger als sechs Monate im Dienst sind. Kultusminister Lorz hat angekündigt, weitere Ausbildungsmaßnahmen einzuführen.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Datawrapper (Datengrafik) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Datawrapper (Datengrafik). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Fazit: Keine bundesweiten Zahlen

In jedem Bundesland gibt es unterschiedlich großen Bedarf an Lehrkräften und dementsprechend viele verschiedene Optionen und Anstrengungen, diesen Bedarf zu decken. Es ist wie ein Flickenteppich mit 16 verschiedenen Quadraten. Jedes Bundesland verwendet zwar den Begriff Quereinsteiger, meint damit aber oft völlig verschiedenen Personen.

Aus den angegebenen Zahlen der Antworten der Kultusministerien zu den beschäftigten Quereinsteigern lässt sich deswegen schwer ableiten, wie viele Personen tatsächlich bundesweit lang- oder kurzfristig dafür sorgen, dass der Schulbetrieb an Grundschulen aufrecht erhalten wird.

Dementsprechend ist es unmöglich, bundesweit einheitliche Qualifizierungsmaßnahmen einzuführen, um gleiche Qualitätsstandards für alle Quereinsteiger zu gewährleisten beziehungsweise zu sichern. Das wäre nur möglich, wenn der Begriff klar definiert wäre und es sich dabei immer um den gleichen Personenkreis handeln würde.

Für unsere Recherche haben wir uns auf den Begriff "Quereinsteiger" geeinigt und meinen damit Personen, die ohne pädagogische Ausbildung als Lehrkräfte in der Grundschule arbeiten.

Jetzt im Programm